Google Street View und andere Bedrohungen für die Privatsphäre

Das Thema “Google Street View” kocht derzeit mal wieder hoch: Ganze Gemeinden hören im Zweifelsfall auf einzelne, aber dafür umso lauter schreiende, Bürger und fordern Google auf, doch bitte keine Autos durch die Gegend zu schicken; den Schaum vor den Lippen unserer werten Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner  kann man ihren Pressemitteilungsauswürfen deutlich entnehmen.

Nur eins wird übersehen: Die plakativ geführte Debatte gegen den derzeitigen Trendgegner Google geht aber sowas von am eigentlichen Problemkern vorbei, dass es beinahe schmerzt. Aber heutzutage ist man  ja leider nichts anderes aus der CSU- und Journallien-Ecke gewohnt.

Google schickt also Autos durch die Straßen, die Bilder machen. Bilder vom öffentlichen Raum, zwar  leicht über normaler Augenhöhe, aber durchaus nicht aus obszöner Höhe und auch nicht fernab öffentlich befahrbarer Straßen. Diese Momentaufnahmen werden genutzt, um Straßenbilder nicht nur “von oben” visualisierbar zu machen, sondern um Weg- und Ortsbeschreibungen frauentauglich zu machen [Kurze Abschweifung: Das ist nun keinesfalls diskriminierend oder sexistisch gemeint, meine Erfahrung hat mich nur  gelehrt, dass Wege von Männern im Allgemeinen eher mit "der dritten Straße rechts" beschrieben werden, während man bei Frauen tendenziell eher "dann direkt nach dem gelben Haus" abbiegt.], sowie auch allgemeine Bildeindrücke von Wegzielen, besonderen Strecken und Städten zu schaffen. Dass nebenbei auch Routenanweisungen abfallen und somit Google unter anderem in den USA schon mit “eigenen” Daten Wegbeschreibungen machen kann, während hierzulande entsprechende Daten noch zugekauft werden, will ich hier nicht weiter erwähnen.

Im Allgemeinen ist das ein Dienst, den “man” haben will – so hat zum Beispiel die Piratenpartei Heilbronn auf ihrer Seite eine entsprechende Visualisierung, um das Klub Sofa, in dem der Stammtisch stattfindet, besser finden zu können.

Wo liegt nun das Problem?

Nunja, mein persönliches Lieblingsargument hier ist die Privatsphäre von Häusern. Ausserdem wird immer und immer wieder behauptet, dass Menschen erkennbar  und Autokennzeichen identifizierbar seien. Dann seien Menschen ja nicht nur aufgrund ihres Gesichts, sondern auch anhand von T-Shirts, Körperformen oder sonstigen Merkmalen erkennbar und somit beispielsweise der Ehemann beim Bordellbesuch ertappbar. Zusätzlich sei es eine Verletzung der Privatsphäre, dass die Bilder aus einer leicht höheren Lage als der genormten mitteleuropäischen Augenhöhe gemacht werden und somit ein Sichtschutz eventuell umgangen werden könnte. Dann könnten sich ja Scoringunternehmen wie die allseits beliebte Schufa ein Bild von der Nachbarschaft machen, um das dann positiv oder negativ auf Kredite auswirken zu lassen. Ach ja, fast hätte ich die Einbrecher und Terroristen vergessen, die so lohnenswerte Ziele ausmachen können, ohne Gefahr zu laufen, vor Ort beim Auskundschaften erwischt zu werden.

Schlimm, nichtwahr?

Uhm, nein, eher nicht.

  • Standardmäßig werden Menschen und Autokennzeichen automatisiert unscharf gemacht. Das kann zwar in Einzelfällen schiefgehen, ich verfolge Street View aber nun schon eine ganze Weile und habe noch kein einziges Mal ein Autokennzeichen lesen können, meist werden sogar die Schweinwerfer als Kennzeichen erkannt und unscharf gemacht. Auch identifizierbare Gesichter habe ich bisher keine gefunden und selbst wenn das mal der Fall sein sollte, gibt es nach wie vor direkt eine Möglichkeit, das entsprechende Bild Google zu melden, um es manuell nachbearbeiten oder gar entfernen zu lassen.
  • Menschen können durchaus auch identifizierbar sein, ohne dass man das Gesicht sieht. Bei Street View wird aber grundsätzlich nichts abgelichtet, was nicht auch der Nachbar, ein Verwandter oder Bekannter zufällig beim Vorbeifahren sehen könnte – mit dem Unterschied, dass wir bei Street View absolut von einer im Zweifelsfall jahrealten, wenn nicht irgendwann sogar mal jahrzehntealten Momentaufnahme reden, die zur Not bei einer zentralen Anlaufstelle gemeldet und gelöscht werden kann.
  • Auch die Über-Augenhöhe stimmt im Prinzip, aber wenn man das als Problematisch erachtet, sollte man eigentlich die Satellitenbilder von Google Maps, NASA World Wind, Bing Maps und zahlreichen anderen Anbietern nochmal um einiges problematischer finden, da hier ein Zaun-Sichtschutz ja quasi komplett umgangen wird.
  • Das Schufa-Argument. Auch absolut unbrauchbar, entsprechende Nachbarschaftsauswertungen liegen den Scoringunternehmen im Zweifelsfall schon länger vor, als es Google überhaupt gibt. Ja, das ist schon eher ein datenschutzrechtliches Problem, aber durchaus keines, woran Google irgendwie Schuld hat.
  • Das Argument mit den Bösewichtern ist in meinen Augen auch nicht viel substanzhaltiger, einerseits wieder weil es sich um eine Momentaufnahme handelt und andererseits weil ein Sicherheitssystem, das komplett von außen sichtbar ist, sein Geld eher nicht wert sein dürfte.

Es gibt ja durchaus Argumente, die rein theoretisch irgendwie sinnvoll erscheinen können. Häuser und Autos von Menschen, die mit dem Internet nix zu tun haben, werden ungefragt “ins Internet” gestellt. Die dahinterliegende Annahme, dass ebendiese Menschen das aber nicht wollen, scheint mir aber zumindest aufgrund unrepräsentativer Umfragen in meiner Offline-Verwandschaft und -Bekanntschaft recht weit hergeholt, hier trifft man nach Erklärungen eher auf ein uninteressiertes Schulterzucken oder sogar Stolz, weil man ja nun mit der Zeit geht und auch “im Internet” ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe bisher kein einziges Argument gehört, das die höchst subjektive “Das will man”-Karte übertrumpft und ich persönlich freue mich drauf, virtuell durch Köln, Berlin oder auch Kernen wandern zu können, aber einstweilen werd ich halt mit Madrid, New York, Sydney, Florenz, London, Prag oder sonstigen eher uninteressanten Zielen auskommen müssen.