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Wissen und die Politik

Montag, 12. Juli 2010

Nachdem ich im letzten Beitrag hier ein wenig versucht habe zu erleuchten, wie Wissen überhaupt funktioniert, will ich nun konkrete Auswirkungen des Ganzen betrachten.

Noch ein paar Worte Allgemeingeschwafel

Man hat sich die Wissenschaft also ausgedacht, um wegzukommen vom individuellen Erfahrungsbericht und um bei allgemeingültigeren Aussagen zu landen. Nur weil einmal jemand einen schweren Unfall überlebt hat, folgt noch lange nicht, dass jeder jeden schweren Unfall überlebt. Das klingt jetzt im Zweifel mal wieder banal, aber da steckt eine Wahrheit dahinter, die beispielsweise von Anhängern der Komplementär”medizin” gerne ignoriert wird (Jeder, der schonmal mit Homöopathiegläubigen diskutiert hat, wird das vermeintliche Argument “Du kannst sagen, was du willst, MIR hats geholfen” nur zu gut kennen). Und wer die Meinung vertritt, dass das mit der Alternativen “Medizin” ja nicht so wild sei, der soll bitte einfach mal kurz tief in die Abgründe der Esoteriker schauen (Achtung, da kann einem durchaus schlecht werden!) und mir dann bitte versuchen zu erzählen, warum es sich hier nicht um eine äußerst übelerregende Art der Körperverletzung Schutzbefohlener handeln soll. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls: Meist hängt das Ergebnis einer Folge von Aktionen nicht nur von einer einzigen Ursache ab. Deshalb versucht die Wissenschaft, diese einzelnen Faktoren zu isolieren, einzeln zu verstehen und sie dann wieder zusammenzusetzen. Dieses Zusammensetzen ist oftmals auch nicht gerade einfach, da zum Beispiel durch Feedback-Mechanismen recht leicht eine große Komplexität entstehen kann. Physiker können zwar die Bahnen von zwei großen umeinander kreisenden Körpern berechnen, aber setzt man sie vor drei solche Objekte (oder gar noch mehr), dann kratzen sie sich am Kopf, auch wenn der grundsätzliche Mechanismus dahinter schon verstanden zu sein scheint.

Raus mir der Sprache, was hat das mit Piraten zu tun?

“Wir sind nicht links oder rechts, wir sind vorne.”
“Wir wollen keine ideologische Lösung, wir wollen die beste Lösung.”

Je weiter wir in der Kette von der “reinen” Mathematik wegwandern, desto mehr kommt Intuition ins Spiel und desto diffuser wird das, was wir zu Wissen glauben. Betrachten wir nochmal schnell die Kette aus dem letzten Blogeintrag, wie die Wissenschaften grob aufeinander aufbauen:

Logik -> Mathematik -> Physik -> Chemie -> Biologie -> Medizin -> Neurologie -> Soziologie -> Politik

Eine richtig faire Betrachtung ist diese Vereinfachung (wie ich auch schon angemerkt habe) natürlich nicht. Das soll jetzt aber mal nix zur Sache tun, denn was bemerkenswert ist: Wenn man sich von links nach rechts weiterhangelt, wird es irgendwie immer verschwommener, was hauptsächlich an den bereits angesprochenen Feedback-Mechanismen und Komplexitätsproblemen liegt. Auch wenn DNS grundsätzlich chemischen Prinzipien gehorcht, entsteht hier doch durch den Kontext deutlich mehr. Und je weiter wir in der Kette nach rechts wandern, desto größer werden diese Effekte und desto mehr verstärken sie sich selbst oder bauen gar aufeinander auf.

Wenn man sich exemplarisch mal die Wirtschaftspolitik herausgreift, fällt es eben echt schwer, wissenschaftliche Prinzipien anzuwenden, weil es meistens schlicht und ergreifend nicht funktioniert, einzelne Aspekte für größere Störungen alleine verantwortlich zu machen. Es mag sein, dass der Zins an und für sich ein grundsätzlicher Fehler unseres Wirtschaftssystems ist. Es mag auch sein, dass ein paar Monate lang das Wörgler Freigeld, was den Zinseffekt im Wesentlichen umgedreht hat, einen örtlich begrenzten Erfolg gefeiert hat. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass das auf größerer Ebene genauso gut und vor allem auch nachhaltig funktioniert, ist eine recht blauäugige und weltfremde Vermutung.

Weiteres Paradebeispiel: Das Bedingungslose Grundeinkommen. Leider, leider von einer Mehrheit der Piraten des letzten Bundesparteitages für “klingt gut, also wolln wir das irgendwie!” beschieden worden. Hier sieht man den ersten Schritt, die Vorteile, die es für einen selbst bringt, sieht auch Vorteile fürs soziale Gewissen und den Bürokratieabbau und feiert das Modell als einzig Seligmachende Wahrheit. Dass das Modell einen Schritt weitergedacht grandios scheitert, darüber wird meist nichtmal nachgedacht, die schnellen Vorteile überwiegen ja. Ein kleiner Denkanstoß an dieser Stelle: Aus viel freiem Geld folgt auch viel Inflation. Man möge den Gedanken weiterspinnen und sich dabei nicht zu oft im Kreis drehen.

Dazu kommt: Das Finanzwesen wurde von Menschen geschaffen. Und das nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach, viele Effekte haben sich erst mit der Zeit rauskristallisiert. Die Frage ist eventuell nicht, wie die beste Lösung für ein gegebenes Problem ist, sondern ob es überhaupt eine beste Lösung gibt. Ich halte die Vermutung nicht für völlig weit hergeholt, dass das Finanzsystem grundsätzlich so chaotisch und auf so vielen sich gegenseitig bedingenden, verstärkenden und/oder abschwächenden Effekten beruht, dass es keine ganzheitliche Theorie dafür geben kann.

Deshalb meine Vermutung: Es gibt keine beste Lösung der Finanzkrise. Es gibt Ansätze zum Verzögern, es gibt Ideen für den Totalumbruch. Aber dabei möge man bitte auch bedenken, dass das Finanzsystem in der derzeitigen grundsätzlichen Form schon wirklich alt ist, sich die meiste Zeit auch irgendwie bewährt hat und entgegen aller Unkerei auch schon die eine oder andere Krise überstanden hat. Und ob Alternativmodelle sich dann ähnlich bewähren, das hängt äußerst stark auch vom menschlichen Faktor ab.

Also doch wieder Ideologie?

Ein großer Vorteil der Piraten ist ja, dass man sich wenigstens überhaupt irgendwelche Gedanken macht. Vergleicht man das mit der “alternativlosen” Politik der derzeitigen Bundesreagierung, kann das ja nur ein Fortschritt sein (und ich vermute, dass dieser Satz auch in 10, 20 30, … Jahren so aktuell sein wird wie nie).

Klar, man hat sich auf die Fahnen geschrieben, irgendwie “fairness” (was auch immer das bedeutet) und Freiheit bieten zu wollen. Aber genau das versprichen auch schon die SPD, die FDP  und die Linkspartei mal mehr, mal weniger glaubwürdig. Als Ideologiefrei würde ich das allerdings nicht bezeichnen, weshalb ich die oben erwähnten Sprüche auch eher für Lebenslügen denn als ernsthafte Aussagen zur Politik der Piratenpartei halte. Und warum die Versprechen der Piratenpartei per se erstmal glaubwürdiger sein soll, als die der etablierten Parteien, auf die Antwort wartet nicht nur der mündige Wähler [sic!] gespannt.

Was aber auf jeden Fall derzeit noch sehr arg fehlt: Ein Taschenrechner. Wenn ich das Wahlprogramm für die Anfang 2011 anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg anschaue, dann fällt mir auf, dass da zwar mal hier, mal da was gefordert wird, was teilweise irgendwie gut klingt, was sich teilweise auch mal selbst widerspricht oder was gelegentlich auch mal offensichtlich seltsamer Unsinn ist (Auf das Wahlprogramm will ich später nochmal genauer eingehen) – der rote Faden, der sich allerdings durchzieht, ist der fehlende Finanzierungsaspekt. Wohlgemerkt verlange ich nicht, dass ein kompletter Haushaltplan für das Land erstellt wird. Aber eine ungefähre Abschätzung der Größenordnung der Kosten oder Zusatzeinnahmen, die bei den einzelnen Punkten entstehen würden (soweit absehbar), wäre zumindest mal ein Anfang und, wie ich finde, eigentlich auch Voraussetzung bevor man sowas zur Abstimmung stellt oder gar mit großer Mehrheit annimmt.

Aber ich vermute, das wäre unpiratisch.

Leserbrief an die Heilbronner Stimme

Donnerstag, 3. Juni 2010

Zum Artikel: “Aufregung um Kamera-Quad” (1.6.2010)

Da fährt ein von der Stadt beauftragtes Gefährt durch die Gegend, um Straßenschäden zu dokumentieren und der HSt fällt nichts besseres ein, als die diffuse Angst der Bevölkerung vor dem angeblich so bösen Google StreetView zu schüren.

Anstatt zum Beispiel die großen Datenkraken Bertelsmann, GEZ, Payback, ELENA oder wie sie alle heißen, einer ähnlich kritischen Berichterstattung zu unterziehen, wird hier nicht gerade subtil Politik gemacht. Man hat Google durch entsprechende Berichterstattung als großen, dunklen Bösewicht positioniert, lenkt von anderen Problematiken ab und stellt sich selbst als Datenschützer dar.

Dass im kommenden Jahr eine Volkszählung stattfinden soll, das wurde 2010 satte 2 Mal in der HSt erwähnt. Beim Zensus 2011 wird eklatant gegen das 1983 ausformulierte Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung verstoßen und teils hochsensible Daten werden zusammengetragen – zum Beispiel komplette Datensätze von Teilnehmern in Zeugenschutzprogrammen mit entsprechendem Hinweis! All das wird nicht thematisiert, sondern ignoriert und totgeschwiegen.

Aber gut, dann müssen eben ein weiteres Mal junge politische Kräfte wie der AK Zensus oder die Piratenpartei auf die Straßen gehen und die Informationsarbeit machen, bei der die sich gern als “traditionell” bezeichnenden Medien bisher so kläglichst versagt haben.

#bpt10 #epic #fail. Vorschläge für die Zukunft.

Sonntag, 16. Mai 2010

Es war für vorausschauende Beobachter leider nicht sonderlich überraschend, aber das, was die Piratenpartei da zum Bundesparteitag veranstaltet hat, war absolut peinlich. Wirklich.

Kurz zum Hintergrund: Ungefähr 1000 Piraten haben sich am 15. und 16. Mai 2010 in Bingen getroffen und den Plan gehabt, einen Bundesvorstand (bestehend aus dem Vorsitzendem nebst Stellvertreter, einem Schatzmeister und 4 Beisitzern), diverse andere Posten (Schiedsgericht, Kassenprüfer) zu wählen, sowie auch Fehler und Probleme in der Satzung auszubügeln, sowie Themenarbeit zu leisten, um eventuell irgendwann mal das Label “Ein-Themen-Partei” loszuwerden.

Der Bundesparteitag war insofern zukunftsweisend, da er der erste war, der nach dem massiven Mitgliederzuwachs im Rahmen der Europa- und Bundestagswahl 2009 war. Vorher gab es bundesweit ca. 1000 Piraten, inzwischen hat sich die Mitgliederzahl bei knapp über 12000 eingependelt.

Ursprünglich waren im Zeitplan für die kompletten Vorstandswahlen der Samstag von 13:30 – 17:00 vorgesehen. Tatsächlich beendet war sie am Sonntag um 14:45, mit knapp 10 Sitzungsstunden Verspätung trotz einiger wiedergewählten Vorstände. Im Endeffekt wurden außer den Formalien der Wahlen noch satte 2 (in Worten: ZWEI!) Programmergänzungsanträge verabschiedet – einer zu Open Source Software und einer zu mehr Demokratie. Zugegeben, es wurden noch eine Handvoll eher symbolischer Anträge erfolgreich abgestimmt (der Beitritt zur Pirate Party International, sowie die Ernennung der Jungen Piraten zur offiziellen Jugendorganisation), sowie ein (eventuell? hoffentlich!) zukunftsweisender Antrag zur bundesweiten Einführung eines Liquid-Democracy-Systems. Aber das war es dann leider auch schon im Wesentlichen.

Einigen “Schuldigen” war und ist es vermutlich bewusst, aber vielen ist es auch noch nicht so ganz klar, was warum wie fsahcl gelaufen ist und vor allem, was in Zukunft besser gemacht werden kann (und in meinen Augen sogar muss, um irgendwelche Chance zu haben, je politisch ernstgenommen zu werden).

An welchen Punkten muss man meiner Meinung nach ansetzen, um etwas zu ändern? Zwei Hauptschuldige meine ich ausgemacht zu haben:

1. Die Geschäftsordnung

Eine kurze Suche durch das Protokoll ergibt 251 Zeilen, die den Begriff “GO-Antrag” enthalten (kurzer, äußerst grober Überschlag: Wenn jeder GO-Antrag nur 20 Sekunden verschluckt hat, summiert sich die Zeit, bei angenommenen 200 solchen Anträgen auf über eine Stunde). Am Ende wurde den Vertretern des Kernprogramms (den sogenannten “Kernis”) vorgeworfen, die Diskussion um programmatische Anträge durch viele und sinnlose GO-Anträge verschleppt zu haben. Das mag so auch stimmen, allerdings darf man nicht aus den Augen verlieren, dass für das eigentlich zukunftsweisende Programm am Ende der Veranstaltung durch vorherige exzessive Frage- und Antwort-Sessions an Vorstandskandidaten weniger als eine Stunde Zeit war.

Noch dazu hat nicht geholfen, dass vieles, was als GO-Antrag deklariert und deshalb vorgezogen wurde, teilweise vermutlich wissentlich, aber oft auch unabsichtlich schlicht und ergreifend eine Meinungsäußerung und/oder ein ungültiger GO-Antrag war. Liebe Piraten, wenn ihr schon meint, unbedingt beide Hände hochreißen zu müssen, wenn euch irgendwas gegen den Strich läuft, dann lest euch doch bitte vorher die Geschäftsordnung durch, da steht nämlich ziemlich im Klartext drin, ob und wie das dann auch formal korrekt geschehen kann. Und mehrere, konkurrierende GO-Anträge, die alle das vermeintliche Ziel haben, irgendetwas zu beschleunigen, fressen im Zweifel mehr Zeit, als das Ursprungsvorhaben eigentlich gekostet hätte.

Was kann man hier tun?

Nunja, 2 Ansätze fallen mir ein: Entweder man schränkt die möglichen GO-Anträge sehr massiv ein und gibt an der Stelle der Sitzungsleitung mehr Kompetenzen, oder man sanktioniert “trollige” GO-Anträge (die man an Ablehnung mit großer Mehrheit zu erkennen versuchen kann) in irgendeiner Art. Persönlich würde ich ersteres deutlich präferieren, da hier auf den gesunden Menschenverstand der Sitzungsleitung gebaut wird und ich solche “weichen” Lösungen immer für besser halte. Der mögliche Austausch der Versammlungs- und/oder Wahlleitung durch das Plenum sollte hier natürlich gewährleistet sein, aber ich sehe nicht ein, warum z.B. über maximale Redezeiten oder das Schließen der Rednerliste nicht die Versammlungsleitung in eigenem Ermessen bestimmen dürfen sollte.

2. Die Vorlaufzeit von Bewerbungen für Ämter

Spontane Bewerbungen für Posten innerhalb des Bundesvorstandes mögen zu Zeiten sinnvoll gewesen sein, als man nicht sicher war, ob man überhaupt genügend Leute zusammenbekommt. Aber von dieser Situation sind wir nun weit entfernt.

Wenn ein Mensch sich zutraut und willens ist, deutlich über 10.000 Piraten nach innen und außen repräsentieren zu wollen, dann kann, nein MUSS er oder sie das gefälligst auch im Vorfeld mitteilen. Wie lange vorher, darüber kann man diskutieren, aber ein Zeitraum irgendwo zwischen 3 Monaten und zwei Wochen vorher fühlt sich für mich richtig an. Bewerbungen aus Bier-, Schnaps- oder Mate-Laune heraus sollten wir uns nicht mehr leisten wollen und ist in meinen Augen auch ein Schlag ins Gesicht der Piraten, die sich auf einen Bundesparteitag vorbereiten. Denn gute Vorbereitung sollte belohnt und schlechte Vorbereitung sanktioniert werden (zumindest funktional) – nicht andersrum, wie es derzeit geschieht: Ich will gar nicht wissen, wie viele Mannstunden im Vorfeld des BPT ins Durcharbeiten der nicht behandelten Satzungsanträge verbrannt worden sind.

Als direkte Konsequenz aus der vorzeitigen Bewerbung sollten dann die derzeit stattfindenden Frage- und Antwortspielchen auf dem BPT komplett durch ein von mir aus auch verpflichtendes Abgeordnetenwatch-ähnliches System im Vorfeld ersetzt werden. Auf dem Parteitag selbst sollte dann ein Statement jedes Kandidaten (mit begrenzter Redezeit) völlig ausreichen, um die Nicht-Vorbereiter nicht komplett ins kalte Wasser zu werfen, aber das muss dann auch ausreichen.

Fazit

Sollte tatsächlich noch ein zweiter, rein programmatischer Parteitag stattfinden, dürfen wir die Chance nicht verpassen, an den empfindlichen, schlecht skalierenden Stellen nachzubessern. Denn die bei den Piraten gelebte Basisdemokratie ist zwar schon ein feines Prinzip, das ich auf den niedrigeren Ebenen nicht missen mag, aber eine Veranstaltung mit 1000 Anwesenden bietet mit den derzeitigen GO- und Satzungs-Mitteln einfach viel zu viele Angriffsstellen für beabsichtigte und versehentliche Denial-of-Service-Angriffe.

Ein paar Gedanken zum Bildungsteil des Ludwigsburger Wahlprogrammvorschlags

Sonntag, 28. März 2010

[Vorweg: Alle Links, Zitate und Anmerkungen beziehen sich auf die Version vom 28. März 2010, 04:26 Uhr]

Der Ludwigsburger Piratenstammtisch hat sich die letzten Wochen zusammengesetzt und einen Vorschlag für ein Wahlprogramm für die 2011 anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg erarbeitet.

Warum man nicht lieber die Arbeit der AG Landespolitik BW unterstützt hat, um doppelte Arbeit zu vermeiden, hat mir bisher auch noch niemand erklären können, ohne mit trotzigem Aufstampfen zu reagieren – mein persönliches Begründungshighlight kam von einer dort mitarbeitenden Piratin, dass sie ja nicht jeder an den Terminen der Klausurtagungen Zeit hätte. Applaus ist hier angebracht.

Gut – wäre hier jetzt ein komplett sinnvolles Werk mit rotem Faden herausgefallen, wär das ja alles halb so schlimm. Aber ein paar Worte von mir als potentiellem Landtagskandidaten zu ausgewählten Punkten, die dort unter “Bildung” laufen, will ich mir nicht verkneifen.

Schulen demokratisieren

Selbstbestimmung der Schule durch das Lehrerkollegium und Mitbestimmungsrecht der Schüler schafft faire Machtstrukturen.

An die demokratischen Entscheidungen des Kollegiums ist auch der Rektor gebunden. Die Schülermitverwaltung muss in Schülermitbestimmung umgestaltet werden, um eine Teilhabe an Entscheidungen zu ermöglichen. Bestehende Gesetze und Bildungspläne müssen selbstverständlich weiterhin eingehalten werden.

Inwiefern das Kollegium gegenüber dem Rektor stärker gestellt sein sollte, kann ich nicht abschätzen, man sollte hier aber auf jeden Fall bedenken, dass Lehrerzimmer im Allgemeinen eher keine intrigenfreie Zone sind. Oft ist die Hackordnung recht klar und nicht unwesentlich durch das Beamtengesetz geprägt.

Was mich hier eher interessieren würde, wo und bei was die Schüler mitentscheiden sollten.

Attention, students, this is Principal Skinner, your principal, with a message from the principal’s office. Report immediately for an assembly in the Butthead Memorial Auditorium. [to himself] Damn it, I wish we hadn’t let the students name that one.

The Simpsons – 2F05 – Lisa on Ice

Man kann das drehen, wenden, nichtgutfinden wie man will, aber Schüler sind im Allgemeinen Kinder und auch noch so viel Verantwortung wird einen 15-jährigen nicht am Kichern hindern, wenn er das Wort “Tittenmaus” hört. Natürlich: demokratische Verantwortung muss man lernen, aber man muss hier sehr vorsichtig sein, nicht zu weit zu gehen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit zurück, wo wir Schüler demokratisch über den Namen eines an die Schule gespendeten Baumes entscheiden sollten. Der Name “Röntgengerät” war, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, am Ende zumindest ganz oben mit dabei. Noch weiter zu gehen und Schüler über Dinge mitentscheiden zu lassen, die am Ende noch wesentliche Kosten verursachen können, ist hier hoffentlich nicht nur für mich indiskutabel.

Gemeinsamer Unterricht von 1. bis 9. Klasse durch Gemeinschaftsschulsystem

Statt des dreigliedrigen Schulsystems sollen Schüler ohne Selektion miteinander und voneinander lernen.

Die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems muss in Schritten, aber ausnahmslos stattfinden, unabhängig von der Schulform und Region. Behinderte Schüler sind durch die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention zu integrieren. Alle Schüler lernen gemeinsam und solidarisch bis zum Ende der neunten Klasse. Die individuelle Förderung der Schüler steht durch Differenzierung im Unterricht und bei der Umsetzung der Lehrpläne im Vordergrund. Leistungsdruck und Schulstress verringern sich, Schüler sind aus Freude am Wissen und Lernen motiviert. Ein Schulabschluss ist nach der neunten, zehnten oder mit Abitur nach der zwölften Klasse möglich. Ab der zehnten Klasse findet der Unterricht im für die Sekundarstufe II bewährten Kurssystem statt.

Dieser Absatz scheint direkt aus einem Paralleluniversum zu stammen. Und zwar aus dem, wo auch der Kommunismus funktioniert, weil alle Menschen gleich sind.

Kinder sind und bleiben unterschiedlich schlau, lernen unterschiedlich schnell und sind unterschiedlich begabt. Jeder Vorschlag, der diese grundsätzlichen Wahrheiten durch gutmenschliches Geschwafel wortreich wegzudefinieren versucht, ist absolut, völligst, zu 100% indiskutabel. Die schlaueren Schüler würden durch Langeweile extrem demotiviert, die weniger schlauen Schüler würden im Zweifelsfall nicht ordentlich mitkommen und durch daraus folgende schlechte Ergebnisse ebenso demotiviert.

Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass dieser Vorschlag von jemandem gemacht wurde, der noch nie Praxiserfahrung als Lehrkraft an einer Schule gemacht hat? Ich tippe auf eine 21-jährige Philosophie-, Soziologie- oder Pädagogikstudentin…

Das Wahlprogramm NRW ist hier an dieser Stelle übrigens in meinen Augen schon sehr viel weiter. Dort ist zwar vor allem die Finanzierungsfrage bzw. ob sich der Aufwand lohnen könnte, eher ungeklärt, aber durch ein konsequentes Kurssystem zeigt es zumindest in eine prinzipiell realistisch umsetzbare und visionäre Richtung.

Notengebung erst ab der siebten Klasse

Spaß am Lernen statt Konkurrenzdenken und individuelle Rückmeldung statt Demotivation durch Notenvergabe.

Finnland hat es erfolgreich vorgemacht. Da Noten erst ab der 7. Klasse vergeben werden, entsteht kein Konkurrenzdruck unter den Schülern, was ihrer Lernleistung zu Gute kommt. Jeder Schüler bekommt eine ausformulierte konstruktiv-informierende Bewertung, die sich an seinen Möglichkeiten orientiert und ihn in seinen Leistungen fördert.

Eine Folgeforderung könnte hier dann ein absoluter Kündigungsschutz für Lehrlinge sein, um die armen, zarten Pflänzchen beim Einstieg in die Berufswelt nicht zu überfordern.

Will sagen: Wer meint, sein Kind sei zu instabil um mit dem Notendruck klarzukommen, darf es gerne nach wie vor an eine Waldorfschule schicken. Aber ich möchte für meine (momentan imaginären) Kinder gerne die Wahl haben, ob ich ihnen diesen anthroposophischen und in meinen Augen weltfremden Blödsinn zumuten mag oder nicht. Und weiterhin bin ich der Meinung, dass Waldorfpädagogik, wenn überhaupt, die Ausnahme sein sollte und keinesfalls die Regel.

Ach ja, und allgemein: Das Wort “Finnland” hat in einer Begründung für eine Schulreform nichts verloren. Hier lauert wieder die alte Falle vom Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation, die wir Piraten den anderen Parteien nur zu gerne (und das zu Recht) um die Ohren hauen.

Mehr Nutzung von freier Software und freien Inhalten

Freie Software ist kostengünstiger für Schulen und Eltern. Der Zugang ist damit in jedem Haushalt mit Computer gesichert.

Obwohl Lernmittelfreiheit besteht, wälzen Schulen Kosten auf Eltern und Schüler um, zum Beispiel bei der Anschaffung von Atlanten. Die Nutzung von freien bzw. kostenlosen Online-Angeboten und Software spart diese Kosten ohne Nachteile für die Schüler.

Die Lernmittelfreiheit ist ein sehr guter Punkt, der auf jeden Fall im Landesprogramm erwähnt werden sollte, aber das Beispiel hier ist nicht ganz so toll gewählt. Ein Buch aufzuschlagen und darin zu blättern, ist einfach ein ganz anderes Erlebnis, als wenn ich auf der Wikipedia oder in Google Maps und Konsorten umhersurfe.

So, das soll es einstweilen gewesen sein. Sollten mir noch weitere Gedanken kommen, nachdem ich den Rest des Wahlprogrammvorschlags gelesen habe, werde ich nicht zögern, diese hier zu veröffentlichen.

Zwischendurch eine kleine Lobhudelei für die Free! Music! Week!: Ey Lou Flynn #37cc

Montag, 8. März 2010

Irgendwie schließt sich der Kreis ein wenig, die Musikpiraten haben mich auf den Künstler gebracht und nun benutze ich sie, um mit meinem leicht ungelenk anmutenden Review von Ey Lous Erstlingswerk wieder ein wenig platonische Liebe zurückzugeben. Tolles Ding, dieses Internet, nichtwahr?

Begonnen hat es, als ich im Herbst 2009 den Free! Music! Sampler! auf mein getreues Billig-MP3-Werbegeschenk-Abspielgerät holte. Anlass waren meine zarten ersten Überlegungen, mal wieder mit Freunden in Heidelberg ein kleines Festival namens “Rock im Feld” zu veranstalten, nur diesmal, im Gegensatz zu früher, absolut GEMA-frei und komplett mit freier Musik. Ein Lied auf dem Sampler stach aus der Masse raus und blieb im Gehörgang kleben, das war das Laternenlied von Ey Lou Flynn. Als ich dann bei Jamendo weiter in die Richtung grub, stieß ich recht fix auf sein Album “Naja, ich hab mein Bestes gegeben” und spätestens nach dem Afghanen im Opener Muuh! war ich am Haken.

Ehrenwort, gute Musik verdient Unterstützung, also hab ich das Album recht fix auch gekauft (inzwischen kann man es sich auch vom Maestro persönlich parfümiert schenken lassen) und selbstverständlich meinen Bekannten- und Verwandtenkreis auch aktiviert und dabei auch schon eine gute Handvoll neue Fans generiert.

Ey Lou Flynn beschreibt seine Musik als “Klingt wie platonische Liebe beim Seitensprung”. Das klang vor dem ersten Hören zwar schon irgendwie seltsam, danach fällt mir allerdings keine bessere Beschreibung ein. Liebe Leser (Ihr beiden da hinten im Eck, ihr seid gemeint!), wenn ihr einen Sinn für Humor habt, dann bleibt euch quasi gar nichts anderes übrig, als Ey Lou zu hören und Ey Lou zu lieben! Mehr kann und will ich über das Album und die diversen weiteren Songs hier gar nicht schreiben, da jeder Versuch meinerseits, die geballte Kreativität in Worte zu fassen, nur mir einer Horde heulender Kleinkinder enden kann.

Der Kreis schließt sich natürlich nicht so komplett, ich werde nach wie vor die neusten Eskapaden (wie zum Beispiel in letzter Zeit ein Behind-The-Scenes-Bericht des neusten Musikvideos) verfolgen, die neue Musik hören, die neuen Alben kaufen und in ein paar Jahren, wenn der Ey Lou Flynn das Münchener Olympiastadion füllt, stolz den jungen Dingern meine Erstauflage der ersten CD vorzeigen und mit verträumtem Blick von Früher[tm](c) erzählen.

Ey Lou Flynn – mach weiter so. Ich hätte gern soviel Kreativität und Sinn fürs Texten und Komponieren, wie du alleine vermutlich im kleinen Finger der linken Hand hast, das würd mir dann vermutlich schon absolut ausreichen.

Google Street View und andere Bedrohungen für die Privatsphäre

Sonntag, 7. März 2010

Das Thema “Google Street View” kocht derzeit mal wieder hoch: Ganze Gemeinden hören im Zweifelsfall auf einzelne, aber dafür umso lauter schreiende, Bürger und fordern Google auf, doch bitte keine Autos durch die Gegend zu schicken; den Schaum vor den Lippen unserer werten Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner  kann man ihren Pressemitteilungsauswürfen deutlich entnehmen.

Nur eins wird übersehen: Die plakativ geführte Debatte gegen den derzeitigen Trendgegner Google geht aber sowas von am eigentlichen Problemkern vorbei, dass es beinahe schmerzt. Aber heutzutage ist man  ja leider nichts anderes aus der CSU- und Journallien-Ecke gewohnt.

Google schickt also Autos durch die Straßen, die Bilder machen. Bilder vom öffentlichen Raum, zwar  leicht über normaler Augenhöhe, aber durchaus nicht aus obszöner Höhe und auch nicht fernab öffentlich befahrbarer Straßen. Diese Momentaufnahmen werden genutzt, um Straßenbilder nicht nur “von oben” visualisierbar zu machen, sondern um Weg- und Ortsbeschreibungen frauentauglich zu machen [Kurze Abschweifung: Das ist nun keinesfalls diskriminierend oder sexistisch gemeint, meine Erfahrung hat mich nur  gelehrt, dass Wege von Männern im Allgemeinen eher mit "der dritten Straße rechts" beschrieben werden, während man bei Frauen tendenziell eher "dann direkt nach dem gelben Haus" abbiegt.], sowie auch allgemeine Bildeindrücke von Wegzielen, besonderen Strecken und Städten zu schaffen. Dass nebenbei auch Routenanweisungen abfallen und somit Google unter anderem in den USA schon mit “eigenen” Daten Wegbeschreibungen machen kann, während hierzulande entsprechende Daten noch zugekauft werden, will ich hier nicht weiter erwähnen.

Im Allgemeinen ist das ein Dienst, den “man” haben will – so hat zum Beispiel die Piratenpartei Heilbronn auf ihrer Seite eine entsprechende Visualisierung, um das Klub Sofa, in dem der Stammtisch stattfindet, besser finden zu können.

Wo liegt nun das Problem?

Nunja, mein persönliches Lieblingsargument hier ist die Privatsphäre von Häusern. Ausserdem wird immer und immer wieder behauptet, dass Menschen erkennbar  und Autokennzeichen identifizierbar seien. Dann seien Menschen ja nicht nur aufgrund ihres Gesichts, sondern auch anhand von T-Shirts, Körperformen oder sonstigen Merkmalen erkennbar und somit beispielsweise der Ehemann beim Bordellbesuch ertappbar. Zusätzlich sei es eine Verletzung der Privatsphäre, dass die Bilder aus einer leicht höheren Lage als der genormten mitteleuropäischen Augenhöhe gemacht werden und somit ein Sichtschutz eventuell umgangen werden könnte. Dann könnten sich ja Scoringunternehmen wie die allseits beliebte Schufa ein Bild von der Nachbarschaft machen, um das dann positiv oder negativ auf Kredite auswirken zu lassen. Ach ja, fast hätte ich die Einbrecher und Terroristen vergessen, die so lohnenswerte Ziele ausmachen können, ohne Gefahr zu laufen, vor Ort beim Auskundschaften erwischt zu werden.

Schlimm, nichtwahr?

Uhm, nein, eher nicht.

  • Standardmäßig werden Menschen und Autokennzeichen automatisiert unscharf gemacht. Das kann zwar in Einzelfällen schiefgehen, ich verfolge Street View aber nun schon eine ganze Weile und habe noch kein einziges Mal ein Autokennzeichen lesen können, meist werden sogar die Schweinwerfer als Kennzeichen erkannt und unscharf gemacht. Auch identifizierbare Gesichter habe ich bisher keine gefunden und selbst wenn das mal der Fall sein sollte, gibt es nach wie vor direkt eine Möglichkeit, das entsprechende Bild Google zu melden, um es manuell nachbearbeiten oder gar entfernen zu lassen.
  • Menschen können durchaus auch identifizierbar sein, ohne dass man das Gesicht sieht. Bei Street View wird aber grundsätzlich nichts abgelichtet, was nicht auch der Nachbar, ein Verwandter oder Bekannter zufällig beim Vorbeifahren sehen könnte – mit dem Unterschied, dass wir bei Street View absolut von einer im Zweifelsfall jahrealten, wenn nicht irgendwann sogar mal jahrzehntealten Momentaufnahme reden, die zur Not bei einer zentralen Anlaufstelle gemeldet und gelöscht werden kann.
  • Auch die Über-Augenhöhe stimmt im Prinzip, aber wenn man das als Problematisch erachtet, sollte man eigentlich die Satellitenbilder von Google Maps, NASA World Wind, Bing Maps und zahlreichen anderen Anbietern nochmal um einiges problematischer finden, da hier ein Zaun-Sichtschutz ja quasi komplett umgangen wird.
  • Das Schufa-Argument. Auch absolut unbrauchbar, entsprechende Nachbarschaftsauswertungen liegen den Scoringunternehmen im Zweifelsfall schon länger vor, als es Google überhaupt gibt. Ja, das ist schon eher ein datenschutzrechtliches Problem, aber durchaus keines, woran Google irgendwie Schuld hat.
  • Das Argument mit den Bösewichtern ist in meinen Augen auch nicht viel substanzhaltiger, einerseits wieder weil es sich um eine Momentaufnahme handelt und andererseits weil ein Sicherheitssystem, das komplett von außen sichtbar ist, sein Geld eher nicht wert sein dürfte.

Es gibt ja durchaus Argumente, die rein theoretisch irgendwie sinnvoll erscheinen können. Häuser und Autos von Menschen, die mit dem Internet nix zu tun haben, werden ungefragt “ins Internet” gestellt. Die dahinterliegende Annahme, dass ebendiese Menschen das aber nicht wollen, scheint mir aber zumindest aufgrund unrepräsentativer Umfragen in meiner Offline-Verwandschaft und -Bekanntschaft recht weit hergeholt, hier trifft man nach Erklärungen eher auf ein uninteressiertes Schulterzucken oder sogar Stolz, weil man ja nun mit der Zeit geht und auch “im Internet” ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe bisher kein einziges Argument gehört, das die höchst subjektive “Das will man”-Karte übertrumpft und ich persönlich freue mich drauf, virtuell durch Köln, Berlin oder auch Kernen wandern zu können, aber einstweilen werd ich halt mit Madrid, New York, Sydney, Florenz, London, Prag oder sonstigen eher uninteressanten Zielen auskommen müssen.

Piratitätskrise

Montag, 15. Februar 2010

Der absolute Großteil der Piraten, die ich bisher kennengelernt habe, sind ganz normale Leute und – jedenfalls soweit ich das beurteilen kann – voll in Ordnung.

Da werden sinnvolle Gedanken gut begründet überlegt  und dabei der gesunde Menschenverstand nicht ignoriert.

Wohlgemerkt spreche ich hier von Piraten, die ich mehr oder weniger persönlich kenne. Das sind hauptsächlich welche aus dem Stammtisch Heilbronn, aus dem Bezirksverband Stuttgart, und aus dem Landesverband Baden-Württemberg – ich habe hier fast ausschließlich Menschen kennengelernt, für die Extremismus, in welche Richtung auch immer, einfach sfachl ist. Für die das Grundgesetz mit seinen Werten wie Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit nicht nur theoretisch gut ist, sondern das grundsätzliche Prinzip verkörpert, nach dem man sich richten kann und muss, um in einer Gesellschaft zu leben, in der das Leben auch Spaß macht.

Man will grundsätzlich keine ideolotisch richtige Lösung für ein Problem finden, man will die beste Lösung für ein Problem finden. Man will eigentlich nur ein wenig die Welt verbessern und das möeglichst durch eine wissenschaftliche Vorgehensweise unter Ausschluss und Ächtung von Hass und Diskriminierung.

Und dann kommen ein paar Arschlöcher daher und wollen das alles kaputt machen. Seien es nun Leute, die meinen, mit unterschwelligen Fragen und Unterstellungen, den Holocaust in Frage stellen zu müssen, die ein Parteiforum inklusive sämtlicher Daten ohne großartige Abstimmung mit irgendjemandem auf einen privaten Server umziehen zu müssen (wobei ich hier definitiv noch Klärungsbedarf sehe, warum das überhaupt passieren konnte), oder sei es gar durch mindestens ein derzeitiges (Noch?)-Mitglied des Bundesvorstand, der sich anscheinend für den König der Piraten hält und der offenbar entweder den Knall nicht gehört oder (und ich drück fest die Daumen, dass ich hier bestätigt werde) ein U-Boot der Titanic-Redaktion ist.

Deshalb kann ich den Piraten, die derzeit schwer mit dem Gedanken spielen, aus der Partei auszutreten, nur zurufen: Hängt es bitte nicht an einzelnen Vollidioten auf, egal wie laut sie schreien. Die meisten von uns sind eigentlich ganz in Ordnung. Bringt euch ein, aber springt bitte nicht unbedacht über Bord – in den tiefen Gewässern ist es derzeit nach wie vor ungastlicher als im Boot. Ob ich die Situation nach dem Bundesparteitag allerdings noch genauso sehe, wird sich in Bingen zeigen.

Ahoi!

Leicht unsortierte Gedanken zum Filesharing

Sonntag, 14. Februar 2010

Vorweg: Ich bin kein Anwalt, will keiner sein und wer mir das unterstellt, den werd ich mal privat aufsuchen müssen :)

Den Königsweg, das einzig zukunftstaugliche Geschäftsmodell kenne ich nicht, behaupte auch nicht ihn zu kennen und zweifel auch, dass es das Eine überhaupt gibt.

Der Punkt hier ist: Filesharing existiert und ist zumindest in jugendlicheren Bevölkerungsschichten ein Massenphänomen. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich der Meinung, dass die derzeitige Taktik der Musikindustrie und ihrer Anwälte, die Fans mit empfindlich kostenpflichtigen Abmahnungen zu bedenken, ein absoluter Holzweg ist und möglichst mit sofortiger Wirkung wirksam unterbunden gehört.

Man kann durchaus argumentieren, dass es moralisch fscahl sei, Musikdateien auf der Festplatte vorliegen zu haben, für die man nichts bezahlt hat. Man möge mir dann aber bitte schlüssig herleiten, warum ebendies nur dann tatsächlich illegal ist, wenn man an die jeweilige Datei via P2P-Filesharing gekommen ist, es aber meines Wissens nach legal ist, das absolut selbe Ergebnis zu erzielen, indem man die Streams von Webradios mitschneidet oder gar Youtube-Videos im Zweifelsfall per Browserplugin mit einem Klick automatisiert als MP3 auf die Festplatte holt. Der juristische Unterschied ist hier der Upload an Leute, die man nicht unbedingt kennt. In Anbetracht der alternativen, kostenlosen, legalen Beschaffungsmöglichkeiten ist aber in meinen Augen dieser Unterschied auch irgendwie überholt.

Jedenfalls jaulen ja bekannterweise die Musikindustrie, ausgewählte Jünger und andere Vollpfosten schon seit Jahren mal aus mehr oder weniger unlauteren Gedanken raus: Filesharing is killing music (In den 80ern auch bekannt als: Home taping is killing music). Illegale Downloads (seit Napster so um die Jahrtausendwende groß wurde) seien vom Teufel und niemand kauft heutzutage mehr Musik.

Bis vor wenigen Jahren noch gab es keine Möglichkeit, Musikdateien zu kaufen. iTunes gibt es zwar schon eine Weile, aber lange Zeit davon ausschließlich mit DRM-verseuchten Dateien, was den Kauf nicht unbedingt attraktiv und für Nutzer von Nicht-Mainstream-Betriebssystemen gar unmöglich macht. Es gab zwar oft die Möglichkeit, die gekauften Dateien (in begrenzter Anzahl) auf eine CD zu brennen und dann wieder in ein freies Format zu rippen, aber die Vorteile der digitalen Welt erst nach einem Zwischenschritt in die physikalische Welt nutzen zu können, das kann auch nur Apple den Jüngern als Feature verkaufen ;)

Kommen die Oberspezialisten und pöbeln rum: “Nicht für Musik bezahlen, auf ein genehmes Geschäftsmodell warten und solange Filesharing betreiben ist Erpressung. Und nur weil es viele machen und niemand so richtig juristisch durchblickt macht es das moralisch nicht vertretbar. Der einzige, der darüber zu entscheiden hat, wann, wo und wieviel er für sein Produkt verlangen will, beziehungsweise muss, ist der Musiker selbst.”

Preise für Produkte (und irgendwie widerstrebt es mir im Inneren, von Musik hier als Produkt zu sprechen, dadurch wird sie zu sehr auf den kaufmännischen Aspekt eingedampft und das tut ihr Unrecht) entstehen nicht aus der Luft raus (ausser eventuell bei Software Security Solution Providers und ähnlichem Gesindel ;) ). Man darf die Fixkosten nicht aus den Augen verlieren, muss die Grenzkosten abschätzen (was kostet es, “ein Produkt mehr” herzustellen und an den Endverbraucher zu bringen) und das dann mit der erwarteten Anzahl von Verkäufen irgendwie in Einklang bringen, wobei natürlich der Endpreis auch einen großen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat.

Genau hier sitzt auch ein Kernargument: Physikalische CDs verursachen signifikante Grenzkosten. Downloads tun das nicht, ihre Grenzkosten sind so nahe an der 0, dass man sie prinzipiell ignorieren kann.

Nun sieht man aber auch heute noch, dass sich die Preise für CDs und ihre Downloadäquivalente auf ähnlichem Niveau bewegen, so dass selbst einem Laien irgendwie klarwerden muss, dass hier im Zweifelsfall die Downloadpreiskalkulation sehr zu Ungunsten des Verbrauchers geführt wird. 100 verkaufte Downloadalben für je 10 Euro erzeugen nunmal heutzutage den gleichen Gewinn wie 1000 verkaufte Einheiten für je 1 Euro. Und das ist keine Erpressung oder Bevormundung, wie die Musikindustrie gefälligst Preise kalkulieren soll, das ist ein Verbesserungsvorschlag, um P2P vergleichsweise uninteressanter zu machen, denn das ist in meinen Augen der einzige Weg, der zum Ziel führt.

Einfachere Bezahlfunktionen und Zusatzfeatures sind hier ein weiterer Lösungsansatz. iTunes wurde in einer Zeit groß, in der Filesharing schon als “Volkssport” existierte und ich bin mir recht sicher, dass bei deren Erfolg hier nicht die Millionenklagen der Musikindustrie ausschlaggebend waren, sondern eher die Einfachheit des Kaufvorgangs. Mit P2P sind abgebrochene Downloads, Viren, schlechte/falsche Meta-Tags, Fake-Uploads und langsame Geschwindigkeiten bei obskureren Titeln an der Tagesordnung. Amazon MP3, iTunes und Konsorten haben all diese Nachteile nicht, verlangen dafür einen Preis und – huch, Überraschung – die Konsumenten nutzen die Angebote.

Und wenn man dann aus der Überlegung noch einen Schritt weitergeht, kann man in der Tat bei “Kostenlos” landen. Es wird weniger Geld mit dem Verkauf der Musik selbst verdient, aber dafür immer mehr Geld mit Merchandising, Konzerten und anderen knappen Gütern. Freemium-Modelle haben sich nicht nur bei Browserspielen bewährt, sondern können, wie beispielsweise Radiohead als bekannterer Act, oder Sigur Ros als eher obskureres Beispiel vorgemacht hat, auch bei Musik funktionieren.

Kontern die geistig nicht so sehr Begabten: “Musiker allgemein würden dann auch nicht mehr von Einkommen leben, sondern von Spenden. Manche besser, manche schlechter. Aber sie wären keine Produzenten mehr, die einen Beitrag leisten, sondern schlicht und ergreifend Bettler.”

Es ist doch eine ganz normale marktwirtschaftliche Abschätzung, bei welchem Preis (oder auch Preisabstufungen) der Gewinn vermutlich maximiert wird. Ein CD-Album, das nicht unter 100 Euro zu haben ist, wird wie Blei in den Regalen liegen und es gibt durchaus Versuche der Musikindustrie, ein abgestuftes Modell umzusetzen. Warum dann aus Werbe- oder auch Karmazwecken die absolute Grundversion nicht kostenlos sein darf, ohne dass der Künstler sich als Bettler zu fühlen hat, will sich mir nicht erschliessen. Wohlgemerkt werden die offiziellen Musikvideos heutzutage regelmäßig offiziell bei Youtube in hoher Qualität hochgeladen und sind damit auch in ebenso hoher Qualität auch kostenlos und legal gezielt downloadbar.

Lassen wir nochmal die Fans des inkohärenten Denkens zu Wort kommen: “Wenn du illegale Downloads für nicht so schlimm hälst, dann musst du ja gefälligst auch in Bus und Bahn Schwarzfahren, das ist ja genau das selbe!”

Hier ist das Stichwort: Verhältnismäßigkeit. Schwarzfahrer sind mit recht geringem Aufwand zu finden und zu identifizieren. Um das selbe bei Filesharern zweifelsfrei hinzukriegen, sind schon ganz andere Mittel vonnöten. Die Vorratsdatenspeicherung wäre hier zwar denkbar, die Verwendung deren Daten wurde aber eben aufgrund der Verhältnismäßigkeit glücklicherweise vom Bundesverfassungsgericht einstweilen auf schwere Straftaten eingeschränkt und – wie hoffentlich nicht nur ich hoffe – zeitnah komplett gestrichen. Vergleichbar wäre eher, wenn Schwarzfahrerei nur dadurch verhinderbar wäre, jeder Person ein Zwangsimplantat mit RFID und Bezahlfunktion in die Schädeldecke zu implantieren – ungeachtet dessen, ob man die öffentlichen Verkehrsmittel überhaupt nutzen will. Ja, an dieser Stelle hinkt mal wieder der Vergleich zwischen physikalischer Welt und der Welt der Informationen, aber das tun solche Vergleiche irgendwie grundsätzlich.

Jedenfalls: Die großen Künstler gab und gibt es nach wie vor und diese verdienen auch weiterhin Geld mit ihrer Musik, trotz Filesharing. Kleine, junge, aufstrebende Künstler haben dagegen dank Internet plötzlich die Möglichkeit, an den traditionellen Wegen vorbei bekannt zu werden – Mund-zu-Mund-Propaganda ist in Zeiten von Web 2.0 so effizient möeglich wie noch nie vorher.

Mein eigentliches Argument, mit dem ich langsam zum Schluss kommen will: P2P geht nicht mehr weg, egal wie doll man mit dem Fuß aufstampft. Wenn die Musikindustrie überleben will, muss sie Modelle finden um mit Filesharing konkurrieren zu können. Das tut sie langsam aber sicher auch immer mehr, aber das Festhalten an dem, wie es früher war, ist in Anbetracht der fortschreitenden Technik und wachsender Bandbreite halt nicht mehr möglich. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Grund, warum es keine Koexistenz zwischen kostenlosem Filesharing und offiziellen Vertriebskanälen geben können soll.

Liquid Democracy

Sonntag, 17. Januar 2010

Wenn ein Konzept innerhalb der Piratenpartei in letzter Zeit in aller Munde ist, dann ist es die Liquid Democracy.

Dabei geht es grob gesagt darum, dynamisch ändernde Meinungen in eine demokratische Struktur abzubilden. Im Vordergrund ist dabei der Verein Liquid Democracy e.V., der der Umsetzung der Idee im Hintergrund einen unterstützenden Rahmen gibt.

Auf dem 26c3 hatte ich Gelegenheit, einen einführenden Vortrag zu hören, sowie danach an der Diskussionsrunde im kleineren Kreis teilzunehmen. Unter anderem aus diesem Anlass will ich hier ein paar Worte zu der Idee an sich verlieren und auch meine Gedanken dazu in die Öffentlichkeit werfen.

Wie funktioniert Liquid Democracy?

Im Kern ist Liquid Democracy ein äusserst dynamisches Delegiertensystem. Jede einzelne teilnehmende Person kann zu jedem Zeitpunkt (so wie ich das verstehe jeweils themengebunden) einer anderen Person die eigene Stimme übertragen. Dabei ist dieses Vertrauen vererbbar, d.h. wenn Person A seine Stimme an B weiterdelegiert, kann B nun entweder mit doppeltem Stimmgewicht abstimmen oder aber auch seine Stimme(n) an C weitergeben, der dann dreifaches Stimmgewicht hat.

Da jeder Teilnehmer aber auch jederzeit seine Delegierung wieder zurücknehmen oder wechseln kann, entsteht, so die Theorie, ein Netzwerk voller Checks and Balances. “Gutes” Verhalten der Vertrauenspersonen am Ende der Kette wird durch weitere “Anhänger” belohnt, andererseits wird durch genügend lange Vertrauensketten (bei großen Systemen kann hier durchaus eine Person viele hunderte Stimmen auf sich vereinen) sichergestellt, dass mit den delegierten Stimmen verantwortungsvoll umgegangen wird. Um irgendwann auch einmal eine Entscheidung treffen zu können, ist es vorgesehen, mit verschiebbaren Zeitfenstern zu arbeiten, an deren Ende eine konkrete Meinung (sei es nun ein tatsächliches Gesetz oder auch nur eine Pressemitteilung) feststehen soll. Wenn sich also ein Meinungsbild eine gewisse Zeitlang nicht mehr signifikant geändert hat, wird es quasi eingefroren. Sollte keine Einigkeit herrschen, bin ich mir nicht sicher was passieren soll – entweder geht die Abstimmung halt solange weiter, bis es einen Konsens gibt (im Zweifelsfall dann halt nie) oder der Versuch wird abgebrochen und für gescheitert erklärt.

Um diesen Zustand der Dauerabstimmung sinnvoll managen zu können, muss im Kern irgendwo eine entsprechende Software  sitzen. Beinahe schon piratentypisch gibt es hier eine Handvoll von mehr oder weniger fertigen Lösungen, die alle den Fokus ein klein wenig anders setzen: Adhocracy, Liquid Feedback und Votorola wären hier Beispiele von “richtigen” LD-Lösungen. Die Alternative mit Meinungsbildern zu arbeiten, darf aber in meinen Augen auch nicht übersehen werden. Hier gibt es beispielsweise das Tool LimeSurvey, das auch im Landesverband Baden-Württemberg schon testweise eingesetzt wurde.

Was will Liquid Democracy?

In dem Vortrag auf dem 26c3 wurde irgendwie auf diese Frage eingegangen, einen sinnvoll gewählten roten Faden dahinter sehe ich persönlich allerdings (noch?) nicht.

Laut Verein soll damit prinzipiell alles möglich sein. Von der Meinungsbildung eines kleinen Vereins bis zur Legislative eines Staates (das wurde tatsächlich als ferne Zukunftsvision genannt). Dabei sollen Erfahrungen erst mit kleinen, überschaubaren Projekten gesammelt werden, aufgrund derer sich dann das System sukzessive vergrößern, verbessern und ausbreiten soll. Erste größere Schritte hat der Landesverband Berlin der Piratenpartei gestartet, der Liquid Feedback seit Jahresbeginn 2010 im Produktivbetrieb einsetzt.

Ich persönlich bin ob der angepeilten Größenordnung nicht nur aufgrund wahlrechtlicher Bedenken (durch das Zulassen von Stimmänderungen muss immer gewährleistet sein, dass mindestens eine Instanz die Zuordnung von Person zu Stimme machen kann) äusserst skeptisch.

Was sind die Schwächen von Liquid Democracy?

Es reicht in der Politik nicht, Meinungen zu bilden und Kompromisse zu schliessen und viele Stimmen hinter sich zu wissen, man muss auch irgendwann mal an einem Punkt angelangt sein, an dem man ein Gesetz verabschiedet, einen Vertrag unterzeichnet (oder auch nicht), einem Aktionsbündnis beitritt (oder auch nicht) oder auch nur eine Pressemitteilung rausgibt. Vor allem muss man sich darauf verlassen können, dass diese Entscheidung im Allgemeinen nicht kurze Zeit später völlig umgedreht werden wird.

Beispielsweise in der Steuergesetzgebung sollte es jedem einleuchten, dass es nicht sonderlich sinnvoll ist, permanent Änderungen an den Rahmenbedingungen zu machen, hier muss eine gewisse Rechtssicherheit vorhanden sein: Die Gelder, die jetzt investiert werden, müssen zum Ende des Geschäftsjahres auch noch im Nachhinein entsprechend legal verbuchbar sein. Ein permanenter Gesetzesfluss ist hier kontraproduktiv und im Zweifelsfall eher schädlich. Genausowenig bringt es etwas, Laufzeiten von Atomkraftwerken mal zu verlängern und dann wieder zu verkürzen, je nachdem, wie hoch die aktuellen Strompreise sind.

Prinzipiell soll es zwar Zeitpunkte geben, an denen dann tatsächlich auch eine Entscheidung erstmal feststeht, allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass die Diskussion damit beendet ist. In einer Demokratie gibt es immer die zahlenmäßig Unterlegenen, die unzufrieden sind und einzelne Niederlagen nicht unbedingt als Anlass sehen, aufzugeben. Dieser Effekt wird vermutlich umso schlimmer, je weiter die Meinungen voneinander entfernt sind.

Weiterhin sind politische Entscheidungen selten auf einen kleinen Themenbereich und aufs Prinzip beschränkt. Auch wenn sich weite Teile einer Partei grundsätzlich einig sein können, beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern, heißt das noch lange nicht, dass es auch eine Mehrheit für einen konkreten Umsetzungsvorschlag gibt. Höhe, Voraussetzungen und vor allem die über sämtlichen politischen Plänen schwebende Finanzierungsfrage sind hier im Zweifelsfall Hinderungsgründe.

Ein weiteres, allgemeines Problem, das ich auf LD speziell zukommen sehe ist das “Wegbröckeln” von Stimmen. Angenommen, ein paar große gegensätzliche Stimmenaggregatoren handeln miteinander einen Kompromiss aus, mit dem sie alle leben können und der ihnen momentan eine Mehrheit bescheren würde. Wenn nun genügend Menschen weiter unten in den Vertrauensketten diesen Kompromiss eben nicht unterstützen wollen, kann es durchaus passieren, dass eine sicher geglaubte Mehrheit plötzlich wieder weg ist und die Verhandlungen umsonst waren. Ich sehe keine Möglichkeit, dieses Problem sinnvoll in den Griff zu bekommen.

Außerdem hat es einen guten Grund, warum Wahlprognosen erst nach Schließung der Wahllokale bekanntgegeben werden, Wahlbeeinflussung ist hier das Stichwort. LD ist ein System mit permanent einsehbarem Ergebnis und deshalb in meinen Augen extrem von dieser Problematik betroffen. Entsprechende kritische Nachfragen bei der Fragerunde wurden von Vereinsseite aber mehr oder weniger weggezaubert, da man einfach mal davon ausgeht, dass dieses Problem durch die ebenso permanente Abstimmung schon irgendwie von selbst verschwinden wird. Logisch nachvollziehbare Begründungen wurden mir dann allerdings keine genannt.

Und mein letzter größerer Punkt hier: Wir haben lange und intensiv gegen Wahlcomputer gekämpft und im Endeffekt auch grandios gewonnen. Und nun kommen die “gleichen” Leute, denken sich noch viel komplexere Abstimmungsmodelle aus, die definitiv nicht mehr sinnvoll von Hand auszählbar sind und bauen ganz nebenbei noch deutlich höhere technische Hürden auf, um am politischen Diskurs teilnehmen zu können (Die Worte “Wiki” und “Diff” fielen mehrfach beim Vortrag auf dem 26c3). Auch hier kann ich nur verwundert zuschauen.

Grundsätzliche Probleme von basisdemokratischen Elementen

Was auch mehrfach in dem Vortrag und in der Diskussionsrunde angesprochen wurde, ist das sogenannte “Problem” des Populismus.

Wer nach mehr Basisdemokratie ruft und gleichzeitig den Populismus verdammt, hat irgendetwas Grundsätzliches nicht verstanden.

Denn wer absolute Basisdemokratie einführt, muss einfach damit leben, dass Populisten an die Macht kommen, dass Pädophile mit Zwangskastrationen versehen werden, dass entführte Flugzeuge abgeschossen werden. Wer die niedersten Instinkte am Effizientesten anspricht, gewinnt schlicht und ergreifend.

Menschen denken nunmal im Allgemeinen nicht mit dem Kopf, sondern entscheiden aus dem Bauch heraus. Das kann man jetzt in der Diskussionsrunde bei einer Tasse Tee wortreich nicht gut finden, auf die Realität hat das aber keinen Einfluss und dessen muss man sich bewusst sein. Angst hat sich Millionen Jahre lang in der Evolution bewährt, bessere Bildung (ein übliches Gegenargument an dieser Stelle) kann das nicht ausgleichen.

Fazit

Auch wenn dieser Blogeintrag teilweise wohl überkritisch interpretiert werden kann, will ich hier nochmal ausdrücklich betonen, dass ich für LD durchaus einen Anwendungszweck sehe. Solange technisch nicht ungebildete Menschen, die alle mehr oder weniger am gleichen Strang ziehen damit ihre Meinungsbildung betreiben wollen, ist das in Ordnung. Aber sobald es darum geht, gegensätzliche Meinungen mit Kompromissen unter einen Hut zu bringen, sehe ich das System auf ganzer Länge scheitern. Und von den tatsächlichen Anforderungen an (oft zeitkritischen) realen Politikbetrieb will ich jetzt noch gar nicht viel reden – irgendwann kommt eine Stelle, an dem man dem gewählten Delegierten einfach vertrauen muss, dass er das Bestmögliche tut.

Warum Softwarepatente schlecht sind

Donnerstag, 7. Januar 2010

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem Blog der Piratenpartei Heilbronn]

In der Diskussion an einem Piraten-Infotisch kam die Meinung auf, dass jemand, wenn er zum Beispiel Mathematiker und Informatiker einstellt, beschäftigt und bezahlt, um einen neuen Kompressionsalgorithmus zu entwerfen und zu implementieren, ja das Recht haben muss, “sein” Werk mit dem Patentrecht zu schützen, sonst könnten ja die Chinesen kommen und das einfach Raubkopieren.

An dieser Stelle muss man schon einhaken, denn hier werden viele verschiedene Dinge zusammen in einen Topf geworfen, die erstmal nix miteinander zu tun haben.

Argument 1: Bewohner anderer Länder werden sich erstmal recht wenig um unser deutsches Patentrecht scheren. Anschauliches Beispiel: Brasilien. Dort werden mit staatlicher Unterstützung AIDS-Medikamente, die Pharmakonzerne mit viel Aufwand entwickelt haben, einfach “raubkopiert”. Das hat natürlich politische Gründe, nichtsdestotrotz sieht man an dem konkreten Fall, dass die Patente des einen Landes im anderen nichts wert sein müssen.

Argument 2: Niemand wird gezwungen, Quellcode zu veröffentlichen. Wenn ein neuartiger Kompressionsalgorithmus nur in ausführbarer Form vorliegt, hat man keine realistische Chance, den Kernalgorithmus zu extrahieren geschweigedenn zu verstehen – dazu braucht man jemanden, der mindestens so begabt ist, wie der Mathematiker hinter der ursprünglichen Idee. Wohlgemerkt, hat der Mensch, der das Binary analysieren soll, nicht die Notizen des Entwicklers vorliegen und moderne Compiler und Programmiersprachen machen durch mehr Abstraktionsebenen und Optimierungsverfahren das Reverse Engineering auch nicht gerade leichter. Mal ganz abgesehen davon, dass durch die auch weiterhin rasant zunehmende Vernetzung die Möglichkeit geschaffen wurde, den tatsächliche Algorithmus nichtmal mehr als ausführbare Datei auf Kundeninfrastruktur vorhalten zu müssen, das kann heutzutage prinzipiell auch über einen eigenen Server mit eigener API geschehen, die Software kann hier tatsächlich zur Black Box werden. Der Kunde sieht nur die Eingabe und die Ausgabe – wie die Transformation abläuft, kann er nur durch eine um viele Größenordnungen schwierigere Analyse nachvollziehen (inwiefern Kunden für solche eine Lösung Geld bezahlen wollen, soll hier nicht das Thema sein).

Argument 3: Das Patentrecht ist inhärent ungeeignet, Mathematik zu schützen:

  • Es gibt in der Mathematik nichts Triviales. Selbst alltägliche Mathematik wie das Zählen von Dingen, ist in der einfachsten Fassung in solch einer Weise formalisiert, dass es vermutlich kaum einen Richter geben wird, der das Konzept “Zählen” als trivial erkennt, wenn man ihm kommentarlos die Peano-Axiome vorlegt. Ausserdem sollte es jedem einigermassen einleuchtend sein, dass man beispielsweise kein Patente auf den Satz des Pythagoras haben will. Nun braucht aber das Patentrecht irgendeine Unterscheidung zwischen trivialen Erfindungen und einer gewissen Schöpfungshöhe, um irgendwie sinnvoll anwendbar zu sein. Es gibt hier keine Möglichkeit, diesen inneren Widerspruch aufzulösen.
  • Ein Patent ist eine Offenlegung einer Erfindung. Im Gegenzug zu dieser Offenlegung wird dem Patenteinreicher für eine begrenzte Zeit das Nutzungsrecht eingeräumt. Um wieder auf das Beispiel des neuen Kompressionsalgorithmus zurückzukommen: Durch eine Patentierung wird also der Algorithmus offengelegt, was zur Folge hat, dass der imaginäre raubkopierende Chinese gar nicht mehr aufwändig und mit zweifelhaftem Erfolg in der ausführbaren Datei herumstochern muss, sondern nur noch die Patentschrift anschauen muss.

Argument 4: Software ist Mathematik. Vielen auch technisch versierteren Menschen fällt es schwer, diesen signifikaten Schritt anerkennen zu wollen. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass jeder Code, egal in welcher Form (sei es nun als Sourcecode oder als ausführbare Datei) ganz grundsätzlich immer 1:1 auf einen mathematischen Algorithmus abgebildet werden kann. Hier an der Stelle sitzt übrigens die Kernauseinandersetzung zwischen Softwarepatentgegnern und -befürwortern. Letztere sehen diese Möglichkeit (jedenfalls nach meinem Verständnis der Debatte) eher als Theoretisch an und wollen Software oder auch nur Teilen davon einen wie auch immer gearteten Sonderstatus einräumen, der eine Patentierbarkeit zulässt.

Fazit: Man will an dieser Stelle nicht das Patentrecht bemühen – das Urheberrecht reicht (auch in einer eventuell reformierten Fassung) völlig aus. Nicht umsonst sind Firmen wie Microsoft, IBM und Apple in einer Zeit gigantisch groß geworden, in der es Softwarepatente schlicht und ergreifend nicht gab.

Natürlich ist der komplette Themenkomplex “Softwarepatente” noch sehr viel größer, als ich in diesem Artikel anreissen konnte, Interessierten sei zur weiteren Vertiefung exemplarisch die Seite nosoftwarepatents.com empfohlen.