Vorweg: Ich bin kein Anwalt, will keiner sein und wer mir das unterstellt, den werd ich mal privat aufsuchen müssen
Den Königsweg, das einzig zukunftstaugliche Geschäftsmodell kenne ich nicht, behaupte auch nicht ihn zu kennen und zweifel auch, dass es das Eine überhaupt gibt.
Der Punkt hier ist: Filesharing existiert und ist zumindest in jugendlicheren Bevölkerungsschichten ein Massenphänomen. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich der Meinung, dass die derzeitige Taktik der Musikindustrie und ihrer Anwälte, die Fans mit empfindlich kostenpflichtigen Abmahnungen zu bedenken, ein absoluter Holzweg ist und möglichst mit sofortiger Wirkung wirksam unterbunden gehört.
Man kann durchaus argumentieren, dass es moralisch fscahl sei, Musikdateien auf der Festplatte vorliegen zu haben, für die man nichts bezahlt hat. Man möge mir dann aber bitte schlüssig herleiten, warum ebendies nur dann tatsächlich illegal ist, wenn man an die jeweilige Datei via P2P-Filesharing gekommen ist, es aber meines Wissens nach legal ist, das absolut selbe Ergebnis zu erzielen, indem man die Streams von Webradios mitschneidet oder gar Youtube-Videos im Zweifelsfall per Browserplugin mit einem Klick automatisiert als MP3 auf die Festplatte holt. Der juristische Unterschied ist hier der Upload an Leute, die man nicht unbedingt kennt. In Anbetracht der alternativen, kostenlosen, legalen Beschaffungsmöglichkeiten ist aber in meinen Augen dieser Unterschied auch irgendwie überholt.
Jedenfalls jaulen ja bekannterweise die Musikindustrie, ausgewählte Jünger und andere Vollpfosten schon seit Jahren mal aus mehr oder weniger unlauteren Gedanken raus: Filesharing is killing music (In den 80ern auch bekannt als: Home taping is killing music). Illegale Downloads (seit Napster so um die Jahrtausendwende groß wurde) seien vom Teufel und niemand kauft heutzutage mehr Musik.
Bis vor wenigen Jahren noch gab es keine Möglichkeit, Musikdateien zu kaufen. iTunes gibt es zwar schon eine Weile, aber lange Zeit davon ausschließlich mit DRM-verseuchten Dateien, was den Kauf nicht unbedingt attraktiv und für Nutzer von Nicht-Mainstream-Betriebssystemen gar unmöglich macht. Es gab zwar oft die Möglichkeit, die gekauften Dateien (in begrenzter Anzahl) auf eine CD zu brennen und dann wieder in ein freies Format zu rippen, aber die Vorteile der digitalen Welt erst nach einem Zwischenschritt in die physikalische Welt nutzen zu können, das kann auch nur Apple den Jüngern als Feature verkaufen
Kommen die Oberspezialisten und pöbeln rum: “Nicht für Musik bezahlen, auf ein genehmes Geschäftsmodell warten und solange Filesharing betreiben ist Erpressung. Und nur weil es viele machen und niemand so richtig juristisch durchblickt macht es das moralisch nicht vertretbar. Der einzige, der darüber zu entscheiden hat, wann, wo und wieviel er für sein Produkt verlangen will, beziehungsweise muss, ist der Musiker selbst.”
Preise für Produkte (und irgendwie widerstrebt es mir im Inneren, von Musik hier als Produkt zu sprechen, dadurch wird sie zu sehr auf den kaufmännischen Aspekt eingedampft und das tut ihr Unrecht) entstehen nicht aus der Luft raus (ausser eventuell bei Software Security Solution Providers und ähnlichem Gesindel
). Man darf die Fixkosten nicht aus den Augen verlieren, muss die Grenzkosten abschätzen (was kostet es, “ein Produkt mehr” herzustellen und an den Endverbraucher zu bringen) und das dann mit der erwarteten Anzahl von Verkäufen irgendwie in Einklang bringen, wobei natürlich der Endpreis auch einen großen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat.
Genau hier sitzt auch ein Kernargument: Physikalische CDs verursachen signifikante Grenzkosten. Downloads tun das nicht, ihre Grenzkosten sind so nahe an der 0, dass man sie prinzipiell ignorieren kann.
Nun sieht man aber auch heute noch, dass sich die Preise für CDs und ihre Downloadäquivalente auf ähnlichem Niveau bewegen, so dass selbst einem Laien irgendwie klarwerden muss, dass hier im Zweifelsfall die Downloadpreiskalkulation sehr zu Ungunsten des Verbrauchers geführt wird. 100 verkaufte Downloadalben für je 10 Euro erzeugen nunmal heutzutage den gleichen Gewinn wie 1000 verkaufte Einheiten für je 1 Euro. Und das ist keine Erpressung oder Bevormundung, wie die Musikindustrie gefälligst Preise kalkulieren soll, das ist ein Verbesserungsvorschlag, um P2P vergleichsweise uninteressanter zu machen, denn das ist in meinen Augen der einzige Weg, der zum Ziel führt.
Einfachere Bezahlfunktionen und Zusatzfeatures sind hier ein weiterer Lösungsansatz. iTunes wurde in einer Zeit groß, in der Filesharing schon als “Volkssport” existierte und ich bin mir recht sicher, dass bei deren Erfolg hier nicht die Millionenklagen der Musikindustrie ausschlaggebend waren, sondern eher die Einfachheit des Kaufvorgangs. Mit P2P sind abgebrochene Downloads, Viren, schlechte/falsche Meta-Tags, Fake-Uploads und langsame Geschwindigkeiten bei obskureren Titeln an der Tagesordnung. Amazon MP3, iTunes und Konsorten haben all diese Nachteile nicht, verlangen dafür einen Preis und – huch, Überraschung – die Konsumenten nutzen die Angebote.
Und wenn man dann aus der Überlegung noch einen Schritt weitergeht, kann man in der Tat bei “Kostenlos” landen. Es wird weniger Geld mit dem Verkauf der Musik selbst verdient, aber dafür immer mehr Geld mit Merchandising, Konzerten und anderen knappen Gütern. Freemium-Modelle haben sich nicht nur bei Browserspielen bewährt, sondern können, wie beispielsweise Radiohead als bekannterer Act, oder Sigur Ros als eher obskureres Beispiel vorgemacht hat, auch bei Musik funktionieren.
Kontern die geistig nicht so sehr Begabten: “Musiker allgemein würden dann auch nicht mehr von Einkommen leben, sondern von Spenden. Manche besser, manche schlechter. Aber sie wären keine Produzenten mehr, die einen Beitrag leisten, sondern schlicht und ergreifend Bettler.”
Es ist doch eine ganz normale marktwirtschaftliche Abschätzung, bei welchem Preis (oder auch Preisabstufungen) der Gewinn vermutlich maximiert wird. Ein CD-Album, das nicht unter 100 Euro zu haben ist, wird wie Blei in den Regalen liegen und es gibt durchaus Versuche der Musikindustrie, ein abgestuftes Modell umzusetzen. Warum dann aus Werbe- oder auch Karmazwecken die absolute Grundversion nicht kostenlos sein darf, ohne dass der Künstler sich als Bettler zu fühlen hat, will sich mir nicht erschliessen. Wohlgemerkt werden die offiziellen Musikvideos heutzutage regelmäßig offiziell bei Youtube in hoher Qualität hochgeladen und sind damit auch in ebenso hoher Qualität auch kostenlos und legal gezielt downloadbar.
Lassen wir nochmal die Fans des inkohärenten Denkens zu Wort kommen: “Wenn du illegale Downloads für nicht so schlimm hälst, dann musst du ja gefälligst auch in Bus und Bahn Schwarzfahren, das ist ja genau das selbe!”
Hier ist das Stichwort: Verhältnismäßigkeit. Schwarzfahrer sind mit recht geringem Aufwand zu finden und zu identifizieren. Um das selbe bei Filesharern zweifelsfrei hinzukriegen, sind schon ganz andere Mittel vonnöten. Die Vorratsdatenspeicherung wäre hier zwar denkbar, die Verwendung deren Daten wurde aber eben aufgrund der Verhältnismäßigkeit glücklicherweise vom Bundesverfassungsgericht einstweilen auf schwere Straftaten eingeschränkt und – wie hoffentlich nicht nur ich hoffe – zeitnah komplett gestrichen. Vergleichbar wäre eher, wenn Schwarzfahrerei nur dadurch verhinderbar wäre, jeder Person ein Zwangsimplantat mit RFID und Bezahlfunktion in die Schädeldecke zu implantieren – ungeachtet dessen, ob man die öffentlichen Verkehrsmittel überhaupt nutzen will. Ja, an dieser Stelle hinkt mal wieder der Vergleich zwischen physikalischer Welt und der Welt der Informationen, aber das tun solche Vergleiche irgendwie grundsätzlich.
Jedenfalls: Die großen Künstler gab und gibt es nach wie vor und diese verdienen auch weiterhin Geld mit ihrer Musik, trotz Filesharing. Kleine, junge, aufstrebende Künstler haben dagegen dank Internet plötzlich die Möglichkeit, an den traditionellen Wegen vorbei bekannt zu werden – Mund-zu-Mund-Propaganda ist in Zeiten von Web 2.0 so effizient möeglich wie noch nie vorher.
Mein eigentliches Argument, mit dem ich langsam zum Schluss kommen will: P2P geht nicht mehr weg, egal wie doll man mit dem Fuß aufstampft. Wenn die Musikindustrie überleben will, muss sie Modelle finden um mit Filesharing konkurrieren zu können. Das tut sie langsam aber sicher auch immer mehr, aber das Festhalten an dem, wie es früher war, ist in Anbetracht der fortschreitenden Technik und wachsender Bandbreite halt nicht mehr möglich. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Grund, warum es keine Koexistenz zwischen kostenlosem Filesharing und offiziellen Vertriebskanälen geben können soll.