Zwischendurch eine kleine Lobhudelei für die Free! Music! Week!: Ey Lou Flynn #37cc

8. März 2010

Irgendwie schließt sich der Kreis ein wenig, die Musikpiraten haben mich auf den Künstler gebracht und nun benutze ich sie, um mit meinem leicht ungelenk anmutenden Review von Ey Lous Erstlingswerk wieder ein wenig platonische Liebe zurückzugeben. Tolles Ding, dieses Internet, nichtwahr?

Begonnen hat es, als ich im Herbst 2009 den Free! Music! Sampler! auf mein getreues Billig-MP3-Werbegeschenk-Abspielgerät holte. Anlass waren meine zarten ersten Überlegungen, mal wieder mit Freunden in Heidelberg ein kleines Festival namens “Rock im Feld” zu veranstalten, nur diesmal, im Gegensatz zu früher, absolut GEMA-frei und komplett mit freier Musik. Ein Lied auf dem Sampler stach aus der Masse raus und blieb im Gehörgang kleben, das war das Laternenlied von Ey Lou Flynn. Als ich dann bei Jamendo weiter in die Richtung grub, stieß ich recht fix auf sein Album “Naja, ich hab mein Bestes gegeben” und spätestens nach dem Afghanen im Opener Muuh! war ich am Haken.

Ehrenwort, gute Musik verdient Unterstützung, also hab ich das Album recht fix auch gekauft (inzwischen kann man es sich auch vom Maestro persönlich parfümiert schenken lassen) und selbstverständlich meinen Bekannten- und Verwandtenkreis auch aktiviert und dabei auch schon eine gute Handvoll neue Fans generiert.

Ey Lou Flynn beschreibt seine Musik als “Klingt wie platonische Liebe beim Seitensprung”. Das klang vor dem ersten Hören zwar schon irgendwie seltsam, danach fällt mir allerdings keine bessere Beschreibung ein. Liebe Leser (Ihr beiden da hinten im Eck, ihr seid gemeint!), wenn ihr einen Sinn für Humor habt, dann bleibt euch quasi gar nichts anderes übrig, als Ey Lou zu hören und Ey Lou zu lieben! Mehr kann und will ich über das Album und die diversen weiteren Songs hier gar nicht schreiben, da jeder Versuch meinerseits, die geballte Kreativität in Worte zu fassen, nur mir einer Horde heulender Kleinkinder enden kann.

Der Kreis schließt sich natürlich nicht so komplett, ich werde nach wie vor die neusten Eskapaden (wie zum Beispiel in letzter Zeit ein Behind-The-Scenes-Bericht des neusten Musikvideos) verfolgen, die neue Musik hören, die neuen Alben kaufen und in ein paar Jahren, wenn der Ey Lou Flynn das Münchener Olympiastadion füllt, stolz den jungen Dingern meine Erstauflage der ersten CD vorzeigen und mit verträumtem Blick von Früher[tm](c) erzählen.

Ey Lou Flynn – mach weiter so. Ich hätte gern soviel Kreativität und Sinn fürs Texten und Komponieren, wie du alleine vermutlich im kleinen Finger der linken Hand hast, das würd mir dann vermutlich schon absolut ausreichen.

Google Street View und andere Bedrohungen für die Privatsphäre

7. März 2010

Das Thema “Google Street View” kocht derzeit mal wieder hoch: Ganze Gemeinden hören im Zweifelsfall auf einzelne, aber dafür umso lauter schreiende, Bürger und fordern Google auf, doch bitte keine Autos durch die Gegend zu schicken; den Schaum vor den Lippen unserer werten Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner  kann man ihren Pressemitteilungsauswürfen deutlich entnehmen.

Nur eins wird übersehen: Die plakativ geführte Debatte gegen den derzeitigen Trendgegner Google geht aber sowas von am eigentlichen Problemkern vorbei, dass es beinahe schmerzt. Aber heutzutage ist man  ja leider nichts anderes aus der CSU- und Journallien-Ecke gewohnt.

Google schickt also Autos durch die Straßen, die Bilder machen. Bilder vom öffentlichen Raum, zwar  leicht über normaler Augenhöhe, aber durchaus nicht aus obszöner Höhe und auch nicht fernab öffentlich befahrbarer Straßen. Diese Momentaufnahmen werden genutzt, um Straßenbilder nicht nur “von oben” visualisierbar zu machen, sondern um Weg- und Ortsbeschreibungen frauentauglich zu machen [Kurze Abschweifung: Das ist nun keinesfalls diskriminierend oder sexistisch gemeint, meine Erfahrung hat mich nur  gelehrt, dass Wege von Männern im Allgemeinen eher mit "der dritten Straße rechts" beschrieben werden, während man bei Frauen tendenziell eher "dann direkt nach dem gelben Haus" abbiegt.], sowie auch allgemeine Bildeindrücke von Wegzielen, besonderen Strecken und Städten zu schaffen. Dass nebenbei auch Routenanweisungen abfallen und somit Google unter anderem in den USA schon mit “eigenen” Daten Wegbeschreibungen machen kann, während hierzulande entsprechende Daten noch zugekauft werden, will ich hier nicht weiter erwähnen.

Im Allgemeinen ist das ein Dienst, den “man” haben will – so hat zum Beispiel die Piratenpartei Heilbronn auf ihrer Seite eine entsprechende Visualisierung, um das Klub Sofa, in dem der Stammtisch stattfindet, besser finden zu können.

Wo liegt nun das Problem?

Nunja, mein persönliches Lieblingsargument hier ist die Privatsphäre von Häusern. Ausserdem wird immer und immer wieder behauptet, dass Menschen erkennbar  und Autokennzeichen identifizierbar seien. Dann seien Menschen ja nicht nur aufgrund ihres Gesichts, sondern auch anhand von T-Shirts, Körperformen oder sonstigen Merkmalen erkennbar und somit beispielsweise der Ehemann beim Bordellbesuch ertappbar. Zusätzlich sei es eine Verletzung der Privatsphäre, dass die Bilder aus einer leicht höheren Lage als der genormten mitteleuropäischen Augenhöhe gemacht werden und somit ein Sichtschutz eventuell umgangen werden könnte. Dann könnten sich ja Scoringunternehmen wie die allseits beliebte Schufa ein Bild von der Nachbarschaft machen, um das dann positiv oder negativ auf Kredite auswirken zu lassen. Ach ja, fast hätte ich die Einbrecher und Terroristen vergessen, die so lohnenswerte Ziele ausmachen können, ohne Gefahr zu laufen, vor Ort beim Auskundschaften erwischt zu werden.

Schlimm, nichtwahr?

Uhm, nein, eher nicht.

  • Standardmäßig werden Menschen und Autokennzeichen automatisiert unscharf gemacht. Das kann zwar in Einzelfällen schiefgehen, ich verfolge Street View aber nun schon eine ganze Weile und habe noch kein einziges Mal ein Autokennzeichen lesen können, meist werden sogar die Schweinwerfer als Kennzeichen erkannt und unscharf gemacht. Auch identifizierbare Gesichter habe ich bisher keine gefunden und selbst wenn das mal der Fall sein sollte, gibt es nach wie vor direkt eine Möglichkeit, das entsprechende Bild Google zu melden, um es manuell nachbearbeiten oder gar entfernen zu lassen.
  • Menschen können durchaus auch identifizierbar sein, ohne dass man das Gesicht sieht. Bei Street View wird aber grundsätzlich nichts abgelichtet, was nicht auch der Nachbar, ein Verwandter oder Bekannter zufällig beim Vorbeifahren sehen könnte – mit dem Unterschied, dass wir bei Street View absolut von einer im Zweifelsfall jahrealten, wenn nicht irgendwann sogar mal jahrzehntealten Momentaufnahme reden, die zur Not bei einer zentralen Anlaufstelle gemeldet und gelöscht werden kann.
  • Auch die Über-Augenhöhe stimmt im Prinzip, aber wenn man das als Problematisch erachtet, sollte man eigentlich die Satellitenbilder von Google Maps, NASA World Wind, Bing Maps und zahlreichen anderen Anbietern nochmal um einiges problematischer finden, da hier ein Zaun-Sichtschutz ja quasi komplett umgangen wird.
  • Das Schufa-Argument. Auch absolut unbrauchbar, entsprechende Nachbarschaftsauswertungen liegen den Scoringunternehmen im Zweifelsfall schon länger vor, als es Google überhaupt gibt. Ja, das ist schon eher ein datenschutzrechtliches Problem, aber durchaus keines, woran Google irgendwie Schuld hat.
  • Das Argument mit den Bösewichtern ist in meinen Augen auch nicht viel substanzhaltiger, einerseits wieder weil es sich um eine Momentaufnahme handelt und andererseits weil ein Sicherheitssystem, das komplett von außen sichtbar ist, sein Geld eher nicht wert sein dürfte.

Es gibt ja durchaus Argumente, die rein theoretisch irgendwie sinnvoll erscheinen können. Häuser und Autos von Menschen, die mit dem Internet nix zu tun haben, werden ungefragt “ins Internet” gestellt. Die dahinterliegende Annahme, dass ebendiese Menschen das aber nicht wollen, scheint mir aber zumindest aufgrund unrepräsentativer Umfragen in meiner Offline-Verwandschaft und -Bekanntschaft recht weit hergeholt, hier trifft man nach Erklärungen eher auf ein uninteressiertes Schulterzucken oder sogar Stolz, weil man ja nun mit der Zeit geht und auch “im Internet” ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe bisher kein einziges Argument gehört, das die höchst subjektive “Das will man”-Karte übertrumpft und ich persönlich freue mich drauf, virtuell durch Köln, Berlin oder auch Kernen wandern zu können, aber einstweilen werd ich halt mit Madrid, New York, Sydney, Florenz, London, Prag oder sonstigen eher uninteressanten Zielen auskommen müssen.

Newton, Licht, Quanten und billardspielende Roboter

21. Februar 2010

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem alten elBloggo und die Fortsetzung von "Ein Gedankenexperiment"]

Ein Disclaimer voraus: Es wird Physikalisch. Keine Angst, Formeln wird es hier nicht geben, mir geht es eher um die Veranschaulichung von Grundprinzipien. Gewisse mir näher bekannte Physiker  werden mir mit diesem Eintrag vermutlich wieder vorwerfen, ich würde unzureichend vereinfachen, weil ich zugegebenermassen die Mathematik hinter einigem, über was ich schreiben werde, in der Tat nicht verstanden habe (und vermutlich auch nie verstehen werde). Euch Zweiflern sage ich lediglich: Macht halt selbst ein Blog. Oder kommentiert wenigstens sachbezogen!

Im Ernst: Ich werde hier nicht anfangen, hier Elementarphysik in Reinkultur zu betreiben, mir geht es um Anschauliches und Grundsätzliches. Sollte etwas, was ich verzapfe grob fsachl sein, bitte ich (ernstgemeint) um Korrektur. Sollte ich hingegen nur Feinheiten nicht erwähnen oder “zu grob” verallgemeinern (in dem Sinne, dass die Grundaussage fsachl wird), werde ich den Eintrag nicht ändern.

So, genug vorgewarnt, wir reden heute unter anderem über Quantenmechanik, Einstein, Heisenberg, Nichtdeterminismus, viele Welten und den billardspielenden Roboter.

Die Quantenmechanik an und für sich ist unter (ernstzunehmenden) Physikern quasi unbestritten. Natürlich gibt es für Naturwissenschaften grundsätzlich keine Möglichkeit, Thesen formal zu beweisen, allerdings gibt es durchaus die Möglichkeit, Thesen durch ein widersprüchliches Experiment zu widerlegen. Der Punkt ist: Die grundlegenden Konzepte der Quantenmechanik in ihrer heutigen Form existieren seit, nunja sagen wir ungefähr 1935 und sie wurde seitdem in unzähligen Experimenten bestätigt und meines Wissens nach nie grundsätzlich experimentell widerlegt.

Das muss jetzt erstmal nix heissen, auch die Newton’sche Mechanik galt lange Zeit als die Theorie, nach der die Welt funktioniert, bis 1905 ein Werk namens “Zur Elektrodynamik bewegter Körper” von einem Naseweis namens Albert Einstein erschien. Das Werk ist heutzutage besser als “spezielle Relativitätstheorie” bekannt und postulierte, dass in unserer “normalen” Welt die Newton’sche Mechanik zwar im Prinzip schon stimmt, das aber nicht an ihrer Allgemeingültigkeit liegt, sondern daran, dass wir es im Alltag eher selten mit Geschwindigkeiten zu tun haben, die nahe der Lichtgeschwindigkeit liegen. Dann nämlich passieren recht wilde Dinge, sagte der Herr Einstein, und auch seine These, dass die Lichtgeschwindigkeit die absolut höchste Geschwindigkeit ist und zwar in jedem Bezugssystem (insbesondere auch in bewegten), bringt auch heute noch Menschen zum Grübeln.

Kurz nachdem die Newton’sche Mechanik diesen einen schweren Schlag abbekommen hat (wobei, sie wie gesagt für quasi alle Alltagssituationen auch heute noch hinreichend exakt ist) kam auch schon der zweite Schlag in Form der Quantenmechanik. Das Wesentliche, was der bislang ungebildete Blogleser aus der Quantenmechanik selbst mitnehmen sollte, ist, dass nicht nur im großen Maßstab die Newton’sche Mechanik nicht mehr gilt, sondern dass diese auch im kleinen, atomaren Maßstab nicht gilt. So gibt es plötzlich (vor oder zwischen Messungen) keine Aufenthaltsorte von Elektronen mehr, sondern nur noch sogenannte Wahrscheinlichkeitswolken, die zeigen, wo sich das entsprechende Teilchen mit welcher Wahrscheinlichkeit aufhalten könnte. Ausserdem hat man festgestellt, dass die vorher “bekannte” strikte Trennung zwischen Teilchen und Wellen nicht mehr aufrechterhalten werden kann und sowohl Licht manchmal Teilchencharakter haben kann (zum Beispiel Einsteins Arbeit zum Photoeffekt, die ihm den Nobelpreis bescherte), als auch Teilchen gelegentlich Wellencharakter zeigen können (beispielsweise Elektronen am Doppelspalt). Und nicht nur das, die Heisenberg’sche Unschärferelation besagt, dass wir, wenn wir durch eine Messung den exakten Aufenthaltsort eines Teilchens bestimmt haben, keine Möglichkeit mehr haben, seine Geschwindigkeit zu bestimmen und umgekehrt. Letzteres ist übrigens eine fundamentale, prinzipielle Unmöeglichkeit und basiert eben gerade nicht auf unzulänglichen Messmethoden.

Nun haben wir ein Problem. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Sinn und Zweck, quasi das Selbstverständnis der Physik, zu verstehen, wie das Universum funktioniert. Actio und Reactio, klare Ursachen, klare Wirkungen. Plötzlich merkte die Physik, auf fundamentaler Ebene rein prinzipiell keine solche konkreten Aussagen mehr treffen zu können, alles unterhalb einer gewissen Schwelle konnte eventuell noch punktuell wahrgenommen werden, aber je kleiner die Strukturen wurden, desto unschärfer mussten die übrigen Randbeobachtungen werden. Über den Ursprung, quasi den “Grund” für die Quantenmechanik kann nur spekuliert werden, nach heutigem Kenntnisstand wird man sie nie verstehen können. Ausser natürlich, jemand erfindet endlich den Heisenberg-Kompensator.

Kommen wir zum Kernpunkt dieses Blogeintrags: Man kann zwar, wie bereits erwähnt, nach heutigem Kenntnisstand keine definitive Antwort auf die Interpretation der Quantenmechanik geben (wobei es mich nicht wundern würde, wenn noch zu unseren Lebzeiten ein genialer Kopf mal wieder die komplette bekannte Physik umwirft und zeigt, dass es eben doch geht), aber das hat die Physiker nicht daran gehindert doch Theorien aufzustellen und – und das ist in meinen Augen die Abkehr vom traditionellen Wissenschaftsbegriff – einzelne Theorien anderen deshalb vorzuziehen, weil man daran glaubt. Nicht etwa, weil Messungen einer Theorie den Vorzug über die anderen geben, sondern hauptsächlich deshalb, weil man, nunja, es ganz doll so haben will und im Zweifelsfall die eigene Meinung auch mal mit einem resoluten Aufstampfen untermauert.

Drei Theorien haben sich hauptsächlich rausgebildet.

Die bei weitem populärste ist die sogenannte “Kopenhagener Deutung”, die die vorhin erwähnten Wahrscheinlichkeitswolken im Wesentlichen als naturgegebenen Nicht-Determinismus interpretiert. Man kann also ohne Messung den Aufenthaltsort eines Elektrons nicht bestimmen, weil er tatsächlich durch einen reinen Zufallsprozeß bedingt ist. In anderen Worten: “Wir können prinzipiell nicht nah genug rangehen, um es verstehen zu können, also ist es grundsätzlich ein nichtdeterministischer Vorgang”. Ausserdem kann es nicht schaden, an dieser Stelle laut “Nänänänänänänä” zu singen und sich dabei die Augen und Ohren zuzuhalten.

Die zweitpopulärste Deutung ist die sogenannte Viele-Welten-Theorie. Sie besagt ganz im Sinne von Star Trek (und sehr bildlich und vereinfachend gesprochen), dass sich mit jeder “Entscheidung”, die das Elektron “trifft” die Welt, das Universum und der ganze Rest in soviele neue Welten aufspaltet, wie es “Handlungsmöglichkeiten” gibt. In meinen Augen hat diese Deutung zwar einige nette Implikationen (Interessierte Menschen seien hier zum Beispiel auf die Wikipedia verwiesen), widerspricht aber ganz fundamental dem, was meiner Meinung nach der Grundsatz für jede wissenschaftliche Arbeit sein sollte. Gemeint ist, was gemeinhin als Ockhams Rasiermesser bekannt ist, das Prinzip, dass “von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste zu bevorzugen ist”. Und in jeder kleinsten Zeiteinheit das bestehende Universum in abermilliarden neue Universen aufzuspalten, das ist hoffentlich nicht nur in meinen Augen ein bisschen viel. Tatsächlich dürfte die Zahl auch für kleinste Zeiteinheiten so unglaublich gigantisch groß sein, dass wir Menschen uns keine Hoffnung drauf machen müssen, jemals auch nur die Größenordnung zu begreifen…

Deutung Nummer Drei ist, vereinfacht gesprochen, elzoidos billiardspielender Roboter. Es existiert also ein Determinismus dahinter, wir sind nur zu doof, ihn zu erkennen. Offiziell heisst die Theorie “Bohmsche Mechanik” und wird hauptsächlich deshalb von den meisten Physikern abgelehnt, weil sie sogenannte verborgene Variablen enthält, also Variablen, die sich jenseits unserer Vorstellungskraft (ganz zu schweigen von Messbarkeit) befinden. Das mögen Physiker nicht, eben weil sie es nicht messen können und – wie wir alle wissen – was man nicht messen kann, existiert nicht. Punkt. Nänänänänänänä.

So, genug erzählt für heute, im nächsten Teil gehts dann weiter in Richtung Gehirn, (Nicht-)Determinismus und Gott.

Piratitätskrise

15. Februar 2010

Der absolute Großteil der Piraten, die ich bisher kennengelernt habe, sind ganz normale Leute und – jedenfalls soweit ich das beurteilen kann – voll in Ordnung.

Da werden sinnvolle Gedanken gut begründet überlegt  und dabei der gesunde Menschenverstand nicht ignoriert.

Wohlgemerkt spreche ich hier von Piraten, die ich mehr oder weniger persönlich kenne. Das sind hauptsächlich welche aus dem Stammtisch Heilbronn, aus dem Bezirksverband Stuttgart, und aus dem Landesverband Baden-Württemberg – ich habe hier fast ausschließlich Menschen kennengelernt, für die Extremismus, in welche Richtung auch immer, einfach sfachl ist. Für die das Grundgesetz mit seinen Werten wie Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit nicht nur theoretisch gut ist, sondern das grundsätzliche Prinzip verkörpert, nach dem man sich richten kann und muss, um in einer Gesellschaft zu leben, in der das Leben auch Spaß macht.

Man will grundsätzlich keine ideolotisch richtige Lösung für ein Problem finden, man will die beste Lösung für ein Problem finden. Man will eigentlich nur ein wenig die Welt verbessern und das möeglichst durch eine wissenschaftliche Vorgehensweise unter Ausschluss und Ächtung von Hass und Diskriminierung.

Und dann kommen ein paar Arschlöcher daher und wollen das alles kaputt machen. Seien es nun Leute, die meinen, mit unterschwelligen Fragen und Unterstellungen, den Holocaust in Frage stellen zu müssen, die ein Parteiforum inklusive sämtlicher Daten ohne großartige Abstimmung mit irgendjemandem auf einen privaten Server umziehen zu müssen (wobei ich hier definitiv noch Klärungsbedarf sehe, warum das überhaupt passieren konnte), oder sei es gar durch mindestens ein derzeitiges (Noch?)-Mitglied des Bundesvorstand, der sich anscheinend für den König der Piraten hält und der offenbar entweder den Knall nicht gehört oder (und ich drück fest die Daumen, dass ich hier bestätigt werde) ein U-Boot der Titanic-Redaktion ist.

Deshalb kann ich den Piraten, die derzeit schwer mit dem Gedanken spielen, aus der Partei auszutreten, nur zurufen: Hängt es bitte nicht an einzelnen Vollidioten auf, egal wie laut sie schreien. Die meisten von uns sind eigentlich ganz in Ordnung. Bringt euch ein, aber springt bitte nicht unbedacht über Bord – in den tiefen Gewässern ist es derzeit nach wie vor ungastlicher als im Boot. Ob ich die Situation nach dem Bundesparteitag allerdings noch genauso sehe, wird sich in Bingen zeigen.

Ahoi!

Leicht unsortierte Gedanken zum Filesharing

14. Februar 2010

Vorweg: Ich bin kein Anwalt, will keiner sein und wer mir das unterstellt, den werd ich mal privat aufsuchen müssen :)

Den Königsweg, das einzig zukunftstaugliche Geschäftsmodell kenne ich nicht, behaupte auch nicht ihn zu kennen und zweifel auch, dass es das Eine überhaupt gibt.

Der Punkt hier ist: Filesharing existiert und ist zumindest in jugendlicheren Bevölkerungsschichten ein Massenphänomen. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich der Meinung, dass die derzeitige Taktik der Musikindustrie und ihrer Anwälte, die Fans mit empfindlich kostenpflichtigen Abmahnungen zu bedenken, ein absoluter Holzweg ist und möglichst mit sofortiger Wirkung wirksam unterbunden gehört.

Man kann durchaus argumentieren, dass es moralisch fscahl sei, Musikdateien auf der Festplatte vorliegen zu haben, für die man nichts bezahlt hat. Man möge mir dann aber bitte schlüssig herleiten, warum ebendies nur dann tatsächlich illegal ist, wenn man an die jeweilige Datei via P2P-Filesharing gekommen ist, es aber meines Wissens nach legal ist, das absolut selbe Ergebnis zu erzielen, indem man die Streams von Webradios mitschneidet oder gar Youtube-Videos im Zweifelsfall per Browserplugin mit einem Klick automatisiert als MP3 auf die Festplatte holt. Der juristische Unterschied ist hier der Upload an Leute, die man nicht unbedingt kennt. In Anbetracht der alternativen, kostenlosen, legalen Beschaffungsmöglichkeiten ist aber in meinen Augen dieser Unterschied auch irgendwie überholt.

Jedenfalls jaulen ja bekannterweise die Musikindustrie, ausgewählte Jünger und andere Vollpfosten schon seit Jahren mal aus mehr oder weniger unlauteren Gedanken raus: Filesharing is killing music (In den 80ern auch bekannt als: Home taping is killing music). Illegale Downloads (seit Napster so um die Jahrtausendwende groß wurde) seien vom Teufel und niemand kauft heutzutage mehr Musik.

Bis vor wenigen Jahren noch gab es keine Möglichkeit, Musikdateien zu kaufen. iTunes gibt es zwar schon eine Weile, aber lange Zeit davon ausschließlich mit DRM-verseuchten Dateien, was den Kauf nicht unbedingt attraktiv und für Nutzer von Nicht-Mainstream-Betriebssystemen gar unmöglich macht. Es gab zwar oft die Möglichkeit, die gekauften Dateien (in begrenzter Anzahl) auf eine CD zu brennen und dann wieder in ein freies Format zu rippen, aber die Vorteile der digitalen Welt erst nach einem Zwischenschritt in die physikalische Welt nutzen zu können, das kann auch nur Apple den Jüngern als Feature verkaufen ;)

Kommen die Oberspezialisten und pöbeln rum: “Nicht für Musik bezahlen, auf ein genehmes Geschäftsmodell warten und solange Filesharing betreiben ist Erpressung. Und nur weil es viele machen und niemand so richtig juristisch durchblickt macht es das moralisch nicht vertretbar. Der einzige, der darüber zu entscheiden hat, wann, wo und wieviel er für sein Produkt verlangen will, beziehungsweise muss, ist der Musiker selbst.”

Preise für Produkte (und irgendwie widerstrebt es mir im Inneren, von Musik hier als Produkt zu sprechen, dadurch wird sie zu sehr auf den kaufmännischen Aspekt eingedampft und das tut ihr Unrecht) entstehen nicht aus der Luft raus (ausser eventuell bei Software Security Solution Providers und ähnlichem Gesindel ;) ). Man darf die Fixkosten nicht aus den Augen verlieren, muss die Grenzkosten abschätzen (was kostet es, “ein Produkt mehr” herzustellen und an den Endverbraucher zu bringen) und das dann mit der erwarteten Anzahl von Verkäufen irgendwie in Einklang bringen, wobei natürlich der Endpreis auch einen großen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat.

Genau hier sitzt auch ein Kernargument: Physikalische CDs verursachen signifikante Grenzkosten. Downloads tun das nicht, ihre Grenzkosten sind so nahe an der 0, dass man sie prinzipiell ignorieren kann.

Nun sieht man aber auch heute noch, dass sich die Preise für CDs und ihre Downloadäquivalente auf ähnlichem Niveau bewegen, so dass selbst einem Laien irgendwie klarwerden muss, dass hier im Zweifelsfall die Downloadpreiskalkulation sehr zu Ungunsten des Verbrauchers geführt wird. 100 verkaufte Downloadalben für je 10 Euro erzeugen nunmal heutzutage den gleichen Gewinn wie 1000 verkaufte Einheiten für je 1 Euro. Und das ist keine Erpressung oder Bevormundung, wie die Musikindustrie gefälligst Preise kalkulieren soll, das ist ein Verbesserungsvorschlag, um P2P vergleichsweise uninteressanter zu machen, denn das ist in meinen Augen der einzige Weg, der zum Ziel führt.

Einfachere Bezahlfunktionen und Zusatzfeatures sind hier ein weiterer Lösungsansatz. iTunes wurde in einer Zeit groß, in der Filesharing schon als “Volkssport” existierte und ich bin mir recht sicher, dass bei deren Erfolg hier nicht die Millionenklagen der Musikindustrie ausschlaggebend waren, sondern eher die Einfachheit des Kaufvorgangs. Mit P2P sind abgebrochene Downloads, Viren, schlechte/falsche Meta-Tags, Fake-Uploads und langsame Geschwindigkeiten bei obskureren Titeln an der Tagesordnung. Amazon MP3, iTunes und Konsorten haben all diese Nachteile nicht, verlangen dafür einen Preis und – huch, Überraschung – die Konsumenten nutzen die Angebote.

Und wenn man dann aus der Überlegung noch einen Schritt weitergeht, kann man in der Tat bei “Kostenlos” landen. Es wird weniger Geld mit dem Verkauf der Musik selbst verdient, aber dafür immer mehr Geld mit Merchandising, Konzerten und anderen knappen Gütern. Freemium-Modelle haben sich nicht nur bei Browserspielen bewährt, sondern können, wie beispielsweise Radiohead als bekannterer Act, oder Sigur Ros als eher obskureres Beispiel vorgemacht hat, auch bei Musik funktionieren.

Kontern die geistig nicht so sehr Begabten: “Musiker allgemein würden dann auch nicht mehr von Einkommen leben, sondern von Spenden. Manche besser, manche schlechter. Aber sie wären keine Produzenten mehr, die einen Beitrag leisten, sondern schlicht und ergreifend Bettler.”

Es ist doch eine ganz normale marktwirtschaftliche Abschätzung, bei welchem Preis (oder auch Preisabstufungen) der Gewinn vermutlich maximiert wird. Ein CD-Album, das nicht unter 100 Euro zu haben ist, wird wie Blei in den Regalen liegen und es gibt durchaus Versuche der Musikindustrie, ein abgestuftes Modell umzusetzen. Warum dann aus Werbe- oder auch Karmazwecken die absolute Grundversion nicht kostenlos sein darf, ohne dass der Künstler sich als Bettler zu fühlen hat, will sich mir nicht erschliessen. Wohlgemerkt werden die offiziellen Musikvideos heutzutage regelmäßig offiziell bei Youtube in hoher Qualität hochgeladen und sind damit auch in ebenso hoher Qualität auch kostenlos und legal gezielt downloadbar.

Lassen wir nochmal die Fans des inkohärenten Denkens zu Wort kommen: “Wenn du illegale Downloads für nicht so schlimm hälst, dann musst du ja gefälligst auch in Bus und Bahn Schwarzfahren, das ist ja genau das selbe!”

Hier ist das Stichwort: Verhältnismäßigkeit. Schwarzfahrer sind mit recht geringem Aufwand zu finden und zu identifizieren. Um das selbe bei Filesharern zweifelsfrei hinzukriegen, sind schon ganz andere Mittel vonnöten. Die Vorratsdatenspeicherung wäre hier zwar denkbar, die Verwendung deren Daten wurde aber eben aufgrund der Verhältnismäßigkeit glücklicherweise vom Bundesverfassungsgericht einstweilen auf schwere Straftaten eingeschränkt und – wie hoffentlich nicht nur ich hoffe – zeitnah komplett gestrichen. Vergleichbar wäre eher, wenn Schwarzfahrerei nur dadurch verhinderbar wäre, jeder Person ein Zwangsimplantat mit RFID und Bezahlfunktion in die Schädeldecke zu implantieren – ungeachtet dessen, ob man die öffentlichen Verkehrsmittel überhaupt nutzen will. Ja, an dieser Stelle hinkt mal wieder der Vergleich zwischen physikalischer Welt und der Welt der Informationen, aber das tun solche Vergleiche irgendwie grundsätzlich.

Jedenfalls: Die großen Künstler gab und gibt es nach wie vor und diese verdienen auch weiterhin Geld mit ihrer Musik, trotz Filesharing. Kleine, junge, aufstrebende Künstler haben dagegen dank Internet plötzlich die Möglichkeit, an den traditionellen Wegen vorbei bekannt zu werden – Mund-zu-Mund-Propaganda ist in Zeiten von Web 2.0 so effizient möeglich wie noch nie vorher.

Mein eigentliches Argument, mit dem ich langsam zum Schluss kommen will: P2P geht nicht mehr weg, egal wie doll man mit dem Fuß aufstampft. Wenn die Musikindustrie überleben will, muss sie Modelle finden um mit Filesharing konkurrieren zu können. Das tut sie langsam aber sicher auch immer mehr, aber das Festhalten an dem, wie es früher war, ist in Anbetracht der fortschreitenden Technik und wachsender Bandbreite halt nicht mehr möglich. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Grund, warum es keine Koexistenz zwischen kostenlosem Filesharing und offiziellen Vertriebskanälen geben können soll.

Ein Gedankenexperiment

24. Januar 2010

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem alten elBloggo]

Man stelle sich einen Raum vor. In diesem Raum befindet sich ein Billardtisch (komplett mit Kugeln, Queue usw.) und ein Roboter, der Billard spielen kann.

Der Roboter ist programmiert, eine Billard-Startaufstellung aufzubauen und mit der weissen Kugel kräftig in Richtung des Dreicks zu hauen. Dabei variiert er Dinge wie Stoßstärke, Richtung und Anspielpunkt auf der weissen Kugel innerhalb gewisser Grenzen. Diese Variation geschieht aufgrund von Pseudozufallszahlen, ist also prinzipiell determiniert. Nach seinem Stoss baut er wieder die Startaufstellung auf und beginnt von Neuem.

Eine Besonderheit hat der Tisch noch: Jedesmal, wenn ein Ball in ein Loch gespielt wird, gibt der Tisch einen laut und deutlich vernehmbaren Piepston von sich.

Nun bitte ich darum, diesen Raum einstweilen zu vergessen und stattdessen eine Gedankenwelt zu entwerfen. Diese Welt funktioniert im Wesentlichen wie unsere hier, es gibt nur 2 Ausnahmen: Es existiert ein mysteriöser Raum, in den niemand reinschauen kann (auch nicht mit Röntgenstrahlung, Ultraschall oder sonstwas), dessen einziges Lebenszeichen ist, dass aus dem Inneren immer wieder Piepstöne nach aussen dringen. Der andere Unterschied zu unserer Welt ist: Billard wurde nie erfunden, nie gespielt, ist völlig unbekannt.

Natürlich ist dieser mysteriöse Piepsraum im Vergleich zur restlichen Welt recht klein, so hat es auch eine ganze Weile gedauert, bis die ersten Menschen ihn entdeckt haben. Als dies aber dann geschah, waren die Menschen fasziniert. Nungut, Lieschen Müller eher nicht. Aber Physiker, Mathematiker, Knobler aus allen Teilen der Welt kamen den Raum besuchen, um eigene Messungen durchzuführen und eigene Theorien aufzustellen. Manche dieser Theorien waren recht einfach gestrickt, manche waren gigantische Theoriegebilde. Viele Bücher haben sich mit diesem mysteriösen Raum beschäftigt, gemeinsam hatten sie eines: Keine dieser Theorien war richtig, denn der Raum – der werte Leser ahnte es vermutlich schon recht schnell – war der Raum, den wir im ersten Teil dieses Blogeintrags betrachtet haben.

Nachdem man eingesehen hat, dass dem Raum mit deterministischen Mitteln nicht beizukommen war, hat man sich bei der Erforschung auf probabilistische Mittel verlegt. Viele Messreihen hat man durchgeführt, sie wahrscheinlichkeitstheoretisch ausgewertet und die Forschungsergebnisse auf eine Kenngröße eingedampft: die sogenannte Halbpiepszeit – die Zeitspanne, nach der mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit ein Piepston aus dem Raum nach aussen drang.

Spätestens jetzt werden zumindest die physikalisch vorgebildeten Leser wissen, worauf ich mit meinem Gedankenexperiment hinauswill. Dem Rest werde ich in einem späteren Blogeintrag erklären, was dieses Gedankenexperiment (das ab sofort der Einfachheit halber nur noch als “elzoidos billardspielender Roboter” in der entsprechenden Fachliteratur erwähnt werden sollte) mit Radioaktivität, Heisenberg, dem Freien Willen und dem fliegenden Spaghettimonster zu tun hat.

Liquid Democracy

17. Januar 2010

Wenn ein Konzept innerhalb der Piratenpartei in letzter Zeit in aller Munde ist, dann ist es die Liquid Democracy.

Dabei geht es grob gesagt darum, dynamisch ändernde Meinungen in eine demokratische Struktur abzubilden. Im Vordergrund ist dabei der Verein Liquid Democracy e.V., der der Umsetzung der Idee im Hintergrund einen unterstützenden Rahmen gibt.

Auf dem 26c3 hatte ich Gelegenheit, einen einführenden Vortrag zu hören, sowie danach an der Diskussionsrunde im kleineren Kreis teilzunehmen. Unter anderem aus diesem Anlass will ich hier ein paar Worte zu der Idee an sich verlieren und auch meine Gedanken dazu in die Öffentlichkeit werfen.

Wie funktioniert Liquid Democracy?

Im Kern ist Liquid Democracy ein äusserst dynamisches Delegiertensystem. Jede einzelne teilnehmende Person kann zu jedem Zeitpunkt (so wie ich das verstehe jeweils themengebunden) einer anderen Person die eigene Stimme übertragen. Dabei ist dieses Vertrauen vererbbar, d.h. wenn Person A seine Stimme an B weiterdelegiert, kann B nun entweder mit doppeltem Stimmgewicht abstimmen oder aber auch seine Stimme(n) an C weitergeben, der dann dreifaches Stimmgewicht hat.

Da jeder Teilnehmer aber auch jederzeit seine Delegierung wieder zurücknehmen oder wechseln kann, entsteht, so die Theorie, ein Netzwerk voller Checks and Balances. “Gutes” Verhalten der Vertrauenspersonen am Ende der Kette wird durch weitere “Anhänger” belohnt, andererseits wird durch genügend lange Vertrauensketten (bei großen Systemen kann hier durchaus eine Person viele hunderte Stimmen auf sich vereinen) sichergestellt, dass mit den delegierten Stimmen verantwortungsvoll umgegangen wird. Um irgendwann auch einmal eine Entscheidung treffen zu können, ist es vorgesehen, mit verschiebbaren Zeitfenstern zu arbeiten, an deren Ende eine konkrete Meinung (sei es nun ein tatsächliches Gesetz oder auch nur eine Pressemitteilung) feststehen soll. Wenn sich also ein Meinungsbild eine gewisse Zeitlang nicht mehr signifikant geändert hat, wird es quasi eingefroren. Sollte keine Einigkeit herrschen, bin ich mir nicht sicher was passieren soll – entweder geht die Abstimmung halt solange weiter, bis es einen Konsens gibt (im Zweifelsfall dann halt nie) oder der Versuch wird abgebrochen und für gescheitert erklärt.

Um diesen Zustand der Dauerabstimmung sinnvoll managen zu können, muss im Kern irgendwo eine entsprechende Software  sitzen. Beinahe schon piratentypisch gibt es hier eine Handvoll von mehr oder weniger fertigen Lösungen, die alle den Fokus ein klein wenig anders setzen: Adhocracy, Liquid Feedback und Votorola wären hier Beispiele von “richtigen” LD-Lösungen. Die Alternative mit Meinungsbildern zu arbeiten, darf aber in meinen Augen auch nicht übersehen werden. Hier gibt es beispielsweise das Tool LimeSurvey, das auch im Landesverband Baden-Württemberg schon testweise eingesetzt wurde.

Was will Liquid Democracy?

In dem Vortrag auf dem 26c3 wurde irgendwie auf diese Frage eingegangen, einen sinnvoll gewählten roten Faden dahinter sehe ich persönlich allerdings (noch?) nicht.

Laut Verein soll damit prinzipiell alles möglich sein. Von der Meinungsbildung eines kleinen Vereins bis zur Legislative eines Staates (das wurde tatsächlich als ferne Zukunftsvision genannt). Dabei sollen Erfahrungen erst mit kleinen, überschaubaren Projekten gesammelt werden, aufgrund derer sich dann das System sukzessive vergrößern, verbessern und ausbreiten soll. Erste größere Schritte hat der Landesverband Berlin der Piratenpartei gestartet, der Liquid Feedback seit Jahresbeginn 2010 im Produktivbetrieb einsetzt.

Ich persönlich bin ob der angepeilten Größenordnung nicht nur aufgrund wahlrechtlicher Bedenken (durch das Zulassen von Stimmänderungen muss immer gewährleistet sein, dass mindestens eine Instanz die Zuordnung von Person zu Stimme machen kann) äusserst skeptisch.

Was sind die Schwächen von Liquid Democracy?

Es reicht in der Politik nicht, Meinungen zu bilden und Kompromisse zu schliessen und viele Stimmen hinter sich zu wissen, man muss auch irgendwann mal an einem Punkt angelangt sein, an dem man ein Gesetz verabschiedet, einen Vertrag unterzeichnet (oder auch nicht), einem Aktionsbündnis beitritt (oder auch nicht) oder auch nur eine Pressemitteilung rausgibt. Vor allem muss man sich darauf verlassen können, dass diese Entscheidung im Allgemeinen nicht kurze Zeit später völlig umgedreht werden wird.

Beispielsweise in der Steuergesetzgebung sollte es jedem einleuchten, dass es nicht sonderlich sinnvoll ist, permanent Änderungen an den Rahmenbedingungen zu machen, hier muss eine gewisse Rechtssicherheit vorhanden sein: Die Gelder, die jetzt investiert werden, müssen zum Ende des Geschäftsjahres auch noch im Nachhinein entsprechend legal verbuchbar sein. Ein permanenter Gesetzesfluss ist hier kontraproduktiv und im Zweifelsfall eher schädlich. Genausowenig bringt es etwas, Laufzeiten von Atomkraftwerken mal zu verlängern und dann wieder zu verkürzen, je nachdem, wie hoch die aktuellen Strompreise sind.

Prinzipiell soll es zwar Zeitpunkte geben, an denen dann tatsächlich auch eine Entscheidung erstmal feststeht, allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass die Diskussion damit beendet ist. In einer Demokratie gibt es immer die zahlenmäßig Unterlegenen, die unzufrieden sind und einzelne Niederlagen nicht unbedingt als Anlass sehen, aufzugeben. Dieser Effekt wird vermutlich umso schlimmer, je weiter die Meinungen voneinander entfernt sind.

Weiterhin sind politische Entscheidungen selten auf einen kleinen Themenbereich und aufs Prinzip beschränkt. Auch wenn sich weite Teile einer Partei grundsätzlich einig sein können, beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern, heißt das noch lange nicht, dass es auch eine Mehrheit für einen konkreten Umsetzungsvorschlag gibt. Höhe, Voraussetzungen und vor allem die über sämtlichen politischen Plänen schwebende Finanzierungsfrage sind hier im Zweifelsfall Hinderungsgründe.

Ein weiteres, allgemeines Problem, das ich auf LD speziell zukommen sehe ist das “Wegbröckeln” von Stimmen. Angenommen, ein paar große gegensätzliche Stimmenaggregatoren handeln miteinander einen Kompromiss aus, mit dem sie alle leben können und der ihnen momentan eine Mehrheit bescheren würde. Wenn nun genügend Menschen weiter unten in den Vertrauensketten diesen Kompromiss eben nicht unterstützen wollen, kann es durchaus passieren, dass eine sicher geglaubte Mehrheit plötzlich wieder weg ist und die Verhandlungen umsonst waren. Ich sehe keine Möglichkeit, dieses Problem sinnvoll in den Griff zu bekommen.

Außerdem hat es einen guten Grund, warum Wahlprognosen erst nach Schließung der Wahllokale bekanntgegeben werden, Wahlbeeinflussung ist hier das Stichwort. LD ist ein System mit permanent einsehbarem Ergebnis und deshalb in meinen Augen extrem von dieser Problematik betroffen. Entsprechende kritische Nachfragen bei der Fragerunde wurden von Vereinsseite aber mehr oder weniger weggezaubert, da man einfach mal davon ausgeht, dass dieses Problem durch die ebenso permanente Abstimmung schon irgendwie von selbst verschwinden wird. Logisch nachvollziehbare Begründungen wurden mir dann allerdings keine genannt.

Und mein letzter größerer Punkt hier: Wir haben lange und intensiv gegen Wahlcomputer gekämpft und im Endeffekt auch grandios gewonnen. Und nun kommen die “gleichen” Leute, denken sich noch viel komplexere Abstimmungsmodelle aus, die definitiv nicht mehr sinnvoll von Hand auszählbar sind und bauen ganz nebenbei noch deutlich höhere technische Hürden auf, um am politischen Diskurs teilnehmen zu können (Die Worte “Wiki” und “Diff” fielen mehrfach beim Vortrag auf dem 26c3). Auch hier kann ich nur verwundert zuschauen.

Grundsätzliche Probleme von basisdemokratischen Elementen

Was auch mehrfach in dem Vortrag und in der Diskussionsrunde angesprochen wurde, ist das sogenannte “Problem” des Populismus.

Wer nach mehr Basisdemokratie ruft und gleichzeitig den Populismus verdammt, hat irgendetwas Grundsätzliches nicht verstanden.

Denn wer absolute Basisdemokratie einführt, muss einfach damit leben, dass Populisten an die Macht kommen, dass Pädophile mit Zwangskastrationen versehen werden, dass entführte Flugzeuge abgeschossen werden. Wer die niedersten Instinkte am Effizientesten anspricht, gewinnt schlicht und ergreifend.

Menschen denken nunmal im Allgemeinen nicht mit dem Kopf, sondern entscheiden aus dem Bauch heraus. Das kann man jetzt in der Diskussionsrunde bei einer Tasse Tee wortreich nicht gut finden, auf die Realität hat das aber keinen Einfluss und dessen muss man sich bewusst sein. Angst hat sich Millionen Jahre lang in der Evolution bewährt, bessere Bildung (ein übliches Gegenargument an dieser Stelle) kann das nicht ausgleichen.

Fazit

Auch wenn dieser Blogeintrag teilweise wohl überkritisch interpretiert werden kann, will ich hier nochmal ausdrücklich betonen, dass ich für LD durchaus einen Anwendungszweck sehe. Solange technisch nicht ungebildete Menschen, die alle mehr oder weniger am gleichen Strang ziehen damit ihre Meinungsbildung betreiben wollen, ist das in Ordnung. Aber sobald es darum geht, gegensätzliche Meinungen mit Kompromissen unter einen Hut zu bringen, sehe ich das System auf ganzer Länge scheitern. Und von den tatsächlichen Anforderungen an (oft zeitkritischen) realen Politikbetrieb will ich jetzt noch gar nicht viel reden – irgendwann kommt eine Stelle, an dem man dem gewählten Delegierten einfach vertrauen muss, dass er das Bestmögliche tut.

Warum Softwarepatente schlecht sind

7. Januar 2010

[Dieser Eintrag ist im Wesentlichen ein leicht überarbeiteter Repost eines meiner Beiträge aus dem Blog der Piratenpartei Heilbronn]

In der Diskussion an einem Piraten-Infotisch kam die Meinung auf, dass jemand, wenn er zum Beispiel Mathematiker und Informatiker einstellt, beschäftigt und bezahlt, um einen neuen Kompressionsalgorithmus zu entwerfen und zu implementieren, ja das Recht haben muss, “sein” Werk mit dem Patentrecht zu schützen, sonst könnten ja die Chinesen kommen und das einfach Raubkopieren.

An dieser Stelle muss man schon einhaken, denn hier werden viele verschiedene Dinge zusammen in einen Topf geworfen, die erstmal nix miteinander zu tun haben.

Argument 1: Bewohner anderer Länder werden sich erstmal recht wenig um unser deutsches Patentrecht scheren. Anschauliches Beispiel: Brasilien. Dort werden mit staatlicher Unterstützung AIDS-Medikamente, die Pharmakonzerne mit viel Aufwand entwickelt haben, einfach “raubkopiert”. Das hat natürlich politische Gründe, nichtsdestotrotz sieht man an dem konkreten Fall, dass die Patente des einen Landes im anderen nichts wert sein müssen.

Argument 2: Niemand wird gezwungen, Quellcode zu veröffentlichen. Wenn ein neuartiger Kompressionsalgorithmus nur in ausführbarer Form vorliegt, hat man keine realistische Chance, den Kernalgorithmus zu extrahieren geschweigedenn zu verstehen – dazu braucht man jemanden, der mindestens so begabt ist, wie der Mathematiker hinter der ursprünglichen Idee. Wohlgemerkt, hat der Mensch, der das Binary analysieren soll, nicht die Notizen des Entwicklers vorliegen und moderne Compiler und Programmiersprachen machen durch mehr Abstraktionsebenen und Optimierungsverfahren das Reverse Engineering auch nicht gerade leichter. Mal ganz abgesehen davon, dass durch die auch weiterhin rasant zunehmende Vernetzung die Möglichkeit geschaffen wurde, den tatsächliche Algorithmus nichtmal mehr als ausführbare Datei auf Kundeninfrastruktur vorhalten zu müssen, das kann heutzutage prinzipiell auch über einen eigenen Server mit eigener API geschehen, die Software kann hier tatsächlich zur Black Box werden. Der Kunde sieht nur die Eingabe und die Ausgabe – wie die Transformation abläuft, kann er nur durch eine um viele Größenordnungen schwierigere Analyse nachvollziehen (inwiefern Kunden für solche eine Lösung Geld bezahlen wollen, soll hier nicht das Thema sein).

Argument 3: Das Patentrecht ist inhärent ungeeignet, Mathematik zu schützen:

  • Es gibt in der Mathematik nichts Triviales. Selbst alltägliche Mathematik wie das Zählen von Dingen, ist in der einfachsten Fassung in solch einer Weise formalisiert, dass es vermutlich kaum einen Richter geben wird, der das Konzept “Zählen” als trivial erkennt, wenn man ihm kommentarlos die Peano-Axiome vorlegt. Ausserdem sollte es jedem einigermassen einleuchtend sein, dass man beispielsweise kein Patente auf den Satz des Pythagoras haben will. Nun braucht aber das Patentrecht irgendeine Unterscheidung zwischen trivialen Erfindungen und einer gewissen Schöpfungshöhe, um irgendwie sinnvoll anwendbar zu sein. Es gibt hier keine Möglichkeit, diesen inneren Widerspruch aufzulösen.
  • Ein Patent ist eine Offenlegung einer Erfindung. Im Gegenzug zu dieser Offenlegung wird dem Patenteinreicher für eine begrenzte Zeit das Nutzungsrecht eingeräumt. Um wieder auf das Beispiel des neuen Kompressionsalgorithmus zurückzukommen: Durch eine Patentierung wird also der Algorithmus offengelegt, was zur Folge hat, dass der imaginäre raubkopierende Chinese gar nicht mehr aufwändig und mit zweifelhaftem Erfolg in der ausführbaren Datei herumstochern muss, sondern nur noch die Patentschrift anschauen muss.

Argument 4: Software ist Mathematik. Vielen auch technisch versierteren Menschen fällt es schwer, diesen signifikaten Schritt anerkennen zu wollen. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass jeder Code, egal in welcher Form (sei es nun als Sourcecode oder als ausführbare Datei) ganz grundsätzlich immer 1:1 auf einen mathematischen Algorithmus abgebildet werden kann. Hier an der Stelle sitzt übrigens die Kernauseinandersetzung zwischen Softwarepatentgegnern und -befürwortern. Letztere sehen diese Möglichkeit (jedenfalls nach meinem Verständnis der Debatte) eher als Theoretisch an und wollen Software oder auch nur Teilen davon einen wie auch immer gearteten Sonderstatus einräumen, der eine Patentierbarkeit zulässt.

Fazit: Man will an dieser Stelle nicht das Patentrecht bemühen – das Urheberrecht reicht (auch in einer eventuell reformierten Fassung) völlig aus. Nicht umsonst sind Firmen wie Microsoft, IBM und Apple in einer Zeit gigantisch groß geworden, in der es Softwarepatente schlicht und ergreifend nicht gab.

Natürlich ist der komplette Themenkomplex “Softwarepatente” noch sehr viel größer, als ich in diesem Artikel anreissen konnte, Interessierten sei zur weiteren Vertiefung exemplarisch die Seite nosoftwarepatents.com empfohlen.

elBloggo 2.0

7. Januar 2010

Nach reichlicher Überlegung habe ich beschlossen, elBloggo grundlegend neu zu starten.

Beinahe 5 Jahren elBloggo (und die meiste Zeit davon latent im Tiefschlaf) in alter Form waren in meinen Augen genug; der Schritt war nun langsam überfällig. In der langen Zeit hat sich einiges geändert, persönlich, beruflich, politisch und ich will jetzt einen Neuanfang wagen.

Ich möchte mich hier recht herzlich bei all den Menschen bedanken, die bisher hier elBloggo gelesen und gelegentlich auch kommentiert haben und wünsche mir, dass ihr hier bleibt.

Der Plan ist, dass ich mich mit neuem, engerem Fokus besser motivieren kann, elBloggo mit Inhalten zu füllen. Auf meiner To-Do-Liste stehen schon einige Themen, über die ich meine Gedanken zu virtuellem Papier bringen will, und auch ausgewählte ältere Beiträge will ich nach und nach hierher migrieren.

Die Postingfrequenz wird nach wie vor nicht sehr hoch sein, die Qualität der einzelnen Einträge wird dafür hoffentlich umso besser ausfallen.